Im Folgenden geht es zunächst um eine definitorische Einführung in den Bereich der Social Media sowie um die Eigenschaften netzbasierter Kommunikation , die für das Social Web von Bedeutung sind .
Außerdem erfolgt eine erste theoretische Annäherung an das Konzept der Privatheit , da dieses Kapitel schwerpunktmäßig auf die Aussagen zur Privatsphäre im Zusammenhang mit dem Selbstdarstellungsverhalten der Nutzer eingeht , so wie sie in Massenmedien und Literatur thematisiert werden .
Um die Begriffe Social Media 7 und Social Web eindeutig verwenden zu können , werden sie an dieser Stelle zunächst vom so genannten Web 2.0 abgegrenzt und definiert .
Der Begriff Web 2.0 wurde entscheidend durch den Verleger und Softwareentwickler Tim O’Reilly geprägt .
In seinem Artikel „ What is Web 2.0 “ ( 2007 ) beschreibt er die veränderten Funktionen , die das Internet seit dem Platzen der Dotcom-Blase herausgebildet hat :
Das Web 2.0 gilt heute als eine Plattform , die sich vor allem durch die direkte Beteiligung der Nutzer und daraus entstehende Netzwerkeffekte , wie z.B. das Nutzen kollektiven Wissens auszeichnet .
Partizipation und Kooperation sind wichtige Charakteristika des Web 2.0 – je mehr Nutzer beteiligt sind , desto besser wird der Dienst .
Und :
Durch Kundenbeteiligung und computergesteuertes Datenmanagement können Nischenmärkte und unscheinbare Webangebote im Long Tail8 zu kollektiver Stärke heranwachsen . 9
O’Reilly nennt in seinem Artikel sieben Hauptpunkte , die das Web 2.0 kennzeichnen10 :
Der Begriff Web 2.0 bezieht sich also auf die Veränderungen und gewachsenen Funktionen des Internet .
Die Nutzung von und die Beteiligung an webbasierten Diensten ist für die breite Masse einfach und attraktiv geworden .
Es sind Anwendungen entstanden , welche die soziale Komponente in den Vordergrund rücken und Interaktion ermöglichen .
Diese Anwendungen werden in der vorliegenden Arbeit zusammenfassend als Social Media bzw. als Social Web bezeichnet , beide Begriffe werden austauschbar verwendet .
Social Media basieren also auf den Weiterentwicklungen des Internets , die als Web 2.0 beschrieben wurden .
Kaplan/Haenlein ( 2009 ) schreiben dazu :
“ In our view [ … ] Social Media is a group of Internet-based applications that build on the ideological and technological foundations of Web 2.0 , and that allow the creation and exchange of User Generated Content ” 12 .
Um sich einer Definition von Social Media weiter anzunähern , werden darüber hinaus zwei klassifikatorische Ansätze der oben genannten Autoren herangezogen , die für die Verwendung des Begriffs in dieser Arbeit leitend sein sollen :
Sie umschließen sowohl medientheoretische Überlegungen ( zu Social Presence und Media Richness ) als auch soziologische Aspekte ( bezogen auf Self-Presentation bzw. Self-Disclosure ) . 13
Social Presence beschreibt den unterschiedlichen Grad an physischer , visueller oder akustischer Kontaktintensität bzw. an Wahrnehmbarkeit – abhängig von den jeweiligen Interaktionsmöglichkeiten – den verschiedene Medien herstellen können .
Dabei gilt :
Je höher das Maß an Social Presence ist , desto größer ist auch der Einfluss , den die Kommunikationspartner gegenseitig auf ihr Verhalten ausüben .
Media Richness beruht auf der Überlegung , dass manche Medien mehr Informationen in einem bestimmten Zeitintervall übertragen können als andere und damit in unterschiedlichem Maße Ambiguität und Unsicherheit reduzieren .
Je reicher das Medium ist , desto stärker kann sich Kommunikation entfalten .
Daher hängen Social Presence und Media Richness eng zusammen , beide bedingen sich wechselseitig. 14
Soziologisch betrachtet , geht das Konzept der Selbstdarstellung ( Self-Presentation ) davon aus , dass Individuen in sozialer Interaktion danach streben , den Eindruck , den sie hinterlassen , zu kontrollieren .
Sie versuchen , durch ihr Verhalten die anderen Interaktionsteilnehmer ( positiv ) zu beeinflussen .
Selbstpräsentation geht einher mit Selbstenthüllung , das heißt dem Offenlegen persönlicher Informationen entsprechend den eigenen Absichten . 15
Vor diesem Hintergrund lassen sich Social Media insofern von anderen internetbasierten Diensten abgrenzen , als sie Social Presence ermöglichen und über Media Richness verfügen sowie Selbstpräsentation des Nutzers erlauben und dafür einen gewissen Grad an Selbstenthüllung erfordern .
Diese Kriterien sind bei den verschiedenen Social-Media-Angeboten unterschiedlich ausgeprägt .
Sie gelten jedoch nur in Interaktionsbeziehungen zwischen Personen und nicht für die massenmediale Kommunikation , bei der konkrete Personen nicht relevant werden .
Sie können daher als Differenzierungskriterien für Social Media herangezogen werden .
Den oben genannten Definitionsmerkmalen kann eine Vielzahl von Angeboten und Diensten zugeordnet werden , die somit in den Bereich der Social Media fallen .
Eine Möglichkeit , diese zu kategorisieren , bildet die folgende Übersicht16 :
Das Social Web stellt also vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten bereit :
Die Nutzer können sich über text-, bild- und tonbasierte Inhalte austauschen . 17
Da die Vielfalt der sozialen Medien sehr groß ist , werden im Verlauf der Arbeit nicht alle Erscheinungsformen gleichermaßen betrachtet .
Vor allem im vierten Teil lassen sich nicht alle Aspekte der theoretischen Anwendung immer auf sämtliche Social Media beziehen .
Um dennoch konkret werden zu können , liegt der Fokus im vierten Kapitel hauptsächlich auf den Social Network Sites , da diese zu den populärsten Formaten im Social Web zählen und viele Möglichkeiten der Selbstdarstellung bieten .
Deshalb werden im Folgenden einige zentrale Merkmale sozialer OnlineNetzwerke zusammengetragen.
Soziale Online-Netzwerke sind nach Ewig ( 2011 ) „ internetbasierte Plattformen , auf denen sich registrierte User in Form persönlicher Profilseiten selbst darstellen und durch Verknüpfung zu anderen Usern ihr persönliches Netzwerk nach und nach aufbauen und abbilden können “ 18 .
Sie können geschäftlich orientiert sein und sich an Berufstätige oder Jobsuchende richten ( wie Xing und LinkedIn ) oder rein freundschaftlich ausgerichtet sein ( wie z.B. Facebook ) . 19
Mitgliederprofile sind der zentrale Interaktionsort auf Social Network Sites , sie werden vom Profileigentümer in dem Bewusstsein gestaltet , dass sie von anderen gesehen werden können. 20
Oft können Texte , Bilder sowie Video- und Audiomaterial hinterlegt und Verlinkungen platziert werden .
Hier wird fundamental bestimmt , wie die Selbstpräsentation aussehen soll – dabei ist diese nicht allein vom Profil eigentümer selbst modelliert .
Denn andere Nutzer hinterlassen Kommentare , Meinungen , verlinken Bilder etc. und wirken dadurch an der Profilgestaltung und Selbstdarstellung mit .
Marwick/boyd ( 2011 ) bemerken daher :
“ Self-presentation is collaborative “ [ Hervorhebung im Original ] 21 .
Ein Profil ist meist mit vielen anderen Profilen verbunden , die in der Kontaktliste erscheinen .
Diese kann von all jenen eingesehen werden , die Zugang zur Profilseite des Nutzers haben .
Zu den Kontakten zählen sowohl Freunde als auch Bekannte , die Familie und Arbeitskollegen etc. Profilseiten sind der Ort , an dem die Interaktionspartner bestimmt und so die potenziellen Zielgruppen der Kommunikationsbeiträge festgelegt werden . 22
Social Network Sites bieten verschiedene Kommunikationskanäle an , mithilfe derer die Nutzer mit ihren Kontakten interagieren können .
Das kommunikative Zentrum bilden Kommentar- bzw. Newsfeed :
Über den Kommentarfeed ( z.B. die Pinnwand bzw. Wall bei Facebook ) können Posts , sowohl vom Profileigentümer als auch von seinen Kontakten , auf der Profilseite hinterlassen werden .
Statusmeldungen über den Newsfeed bieten weitere Kommunikationsanlässe , denn sie zeigen dem Nutzer die aktuellen Aktivitäten und Neuigkeiten seiner Kontakte an .
Er erhält diese Mitteilungen in negativ chronologischer Reihenfolge und sieht daher immer das Aktuellste zuerst .
Er kann darauf direkt reagieren , indem er internen oder externen Links folgt und z.B. Kommentare schreibt oder mit einem „ Gefällt mir “ bei Facebook Zustimmung ausdrückt . 23
Häufig steht den Nutzern auch die Option zur Verfügung , Inhalte nur mit einem Teil der Kontaktliste zu teilen , indem diese in Unterlisten bzw. in Kreise gruppiert und entsprechend adressiert werden können ( z.B. bei Facebook bzw. Google+ ) .
Bei Facebook können auch einzelne Personen gezielt von der Sichtbarkeit eines Posts ausgeschlossen werden .
Außerdem gibt es die Möglichkeit , persönliche Nachrichten zu verschicken , die , ähnlich der E-Mail , direkt adressiert werden .
Darüber hinaus können offene oder geschlossene Gruppen gebildet werden , in denen ein themen- und mitgliederbezogener Austausch stattfinden kann.
Als Internetanwendungen gehören Social Media in den Bereich der netzbasierten Kommunikation .
Sie werden durch entsprechende Technologien strukturiert , die den Informationsfluss organisieren und die Interaktion zwischen den Nutzern modellieren . 24
Das führt zu einigen besonderen Eigenschaften , die im Folgenden dargestellt werden 25 :
Die genannten Eigenschaften spielen eine wichtige Rolle bei den Überlegungen zur Privatsphäre im Social Web , auf die im vierten Teil der Arbeit genauer eingegangen wird .
Bevor die Konzepte der Privatheit und Öffentlichkeit systemtheoretisch näher betrachtet werden , soll vorab kurz umrissen werden , was darunter verstanden wird .
Rössler beschreibt etwas Privates folgendermaßen :
„ ‚ privat ‘ nennen wir einerseits Handlungs- und Verhaltensweisen , zum Zweiten ein bestimmtes Wissen und drittens Räume “ 26 und weiter :
„ als privat gilt etwas dann , wenn man selbst den Zugang zu diesem „ etwas “ kontrollieren kann “ 27 .
Privatheit beinhaltet also den Aspekt der Zugangskontrolle seitens des Individuums .
Dies kann sich gerade im Social Web auch auf die Kontrolle über die eigene Sichtbarkeit bzw. über die Erreichbarkeit personenbezogener Informationen durch andere beziehen.28 Während etwas Öffentliches allen zugänglich und allgemein einsehbar ist , kann im privaten Raum demnach darüber bestimmt werden , wer adressiert wird .
Es geht um die Möglichkeit kontrollieren zu können , wann , in welchem Ausmaß und wie anderen Informationen über das eigene Selbst mitgeteilt werden . 29
Privatheit zeichnet sich also durch eine Grenze aus , innerhalb derer es Kontrollmöglichkeiten gibt .
Die Grenze ist jedoch nicht starr und festgelegt , sondern muss je nach Umstand , Intention und sozialem Kontext neu ausgehandelt werden .
Z.B. müssen die Grenzen der Informationspreisgabe und Selbstdarstellung immer wieder individuell definiert werden .
Privatheit gilt daher als dialektischer und dynamischer Regulationsprozess . 30
Dennoch gibt es je nach Kultur Bereiche , die traditionell als privat gelten und die sich im Laufe der Zeit etabliert haben ( z.B. die eigene Körperlichkeit ) . 31
Diese konventionellen Vorstellungen lassen sich zwar verändern , bieten aber zunächst Anhaltspunkte für die situationsbezogene Festlegung der Grenzen zwischen privat und öffentlich .
Dass die Privatsphäre in diesem Sinne angreifbar ist , liegt auf der Hand .
Denn sobald anderen etwas Privates mitgeteilt wird , nimmt die Kontrolle darüber bereits ab .
Es kann dann nicht mehr direkt darüber verfügt werden , wem die mitgeteilten Informationen noch zugänglich gemacht werden .
Die Privatsphäre ist also ein fragiles und veränderbares Gut .
Das Thema der Privatsphäre beschäftigt journalistische wie auch wissenschaftliche Beobachter bereits seit einigen Jahren im Hinblick auf das Social Web .
Oft geht es dabei um die Frage , ob es sie überhaupt noch gibt bzw. ob sie angesichts des Selbstdarstellungsverhaltens der Nutzer noch aufrechterhalten werden kann .
In den Massenmedien , aber auch in einschlägiger Literatur , wird darüber spekuliert , was die Social Media Community dazu bewegt , sich im Netz darzustellen und persönliche Informationen von sich preiszugeben .
Ausgewählte Positionen hierzu werden im Folgenden dargestellt.
Die Massenmedien verbalisieren immer wieder vermeintliche Probleme , die mit der Selbstdarstellung der Social-Media-Nutzer verbunden seien :
Es ist von „ Selbstentäußerung “ 32 , „ virtuellem Seelenstriptease “ 33 , „ Daten-Striptease im Web 2.0 “ 34 oder „ digitale [ m ] Exhibitionismus “ 35 die Rede .
Nutzer zeigten die Bereitschaft , „ die Privatsphäre preiszugeben “ 36 .
Privates werde öffentlich , Intimitäten einem unüberschaubaren Nutzerkreis mitgeteilt .
Die WELT ( 26.10.2009 ) schreibt :
Auch der SPIEGEL beschreibt eine ähnliche Situation :
Die Nutzer würden sich selbst entblättern , so ist in einem Leitartikel aus dem Jahr 2006 zu lesen .
Auf der Frontseite des Heftes titelt das Blatt entsprechend :
„ Ich im Internet .
Wie sich die Menschheit online entblößt . “ 38
In dem Artikel heißt es :
So viel Transparenz in der Öffentlichkeit habe es laut SPIEGEL-Autor Frank Hornig wohl noch nie gegeben :
Nutzer von MySpace würden ungehemmt nahezu alles von sich mitteilen 40 .
Und in seiner Ausgabe 10/2009 schreibt der SPIEGEL :
Und weiter äußern die Autoren dort , dass nichts im Netz privat sei . 42
Auch die Süddeutsche titelt im Mai 2010 ganz ähnlich wie der SPIEGEL einige Jahre zuvor :
„ Der entblößte Mensch “ und kommentiert :
„ Kinder tun es , Erwachsene tun es , Alte tun es :
Man diskutiert , offenbart sich , sein Leben , seine Meinungen und Neigungen mehr oder weniger unverhohlen “ 43 .
In einem ZEIT-Artikel bemerkt Ulrich Greiner bereits im Jahr 2000 :
„ Es gibt viele Anzeichen dafür , dass eine der großen Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters freiwillig aufgegeben wird :
die rechtlich geschützte Privatsphäre , die Intimität . “ 44
Diese Einschätzung schreibt Greiner seinerzeit noch Jahre vor dem Populärwerden der großen sozialen Online-Netzwerke nieder und bescheinigt seinen Zeitgenossen dennoch das generelle und unstillbare Bedürfnis , „ sich zu zeigen und gesehen zu werden “ . 45
Wie bereits angedeutet , beschränkt sich die normative Diskussion um Selbstdarstellung und Privatheit jedoch nicht auf die Massenmedien .
Auch in der wissenschaftlichen Literatur spielt sie eine Rolle .
Heather Horst ( 2012 ) z.B. spricht davon , dass die Nutzer auf den Seiten sozialer Online-Netzwerke persönliche Informationen in öffentlichen Kontexten teilen würden ( „ practice of sharing personal culture in public contexts “ 46 ) – die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Präsentation des Selbst würden mehr und mehr verschwimmen . 47
Norbert Schneider ( 2012 ) sieht die „ Selbstentblößung “ in den Medien als Folge einer Individualisierung und als Ersatz für die verlorene Bestätigung aus einem Kollektiv , dem man angehörte , z.B. der Familie oder dem Volk .
Auch er konstatiert , dass die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem verschwimmen würde.48 Das Internet biete eine „ Ausstellungsfläche , auf der jeder alles zeigen kann , was und wer er ist und hat “ 49 .
In den sozialen Netzwerken könne der Einzelne sich präsentieren und mache sich zugänglich – Schneider nennt in diesem Zusammenhang die Schlagworte „ Selbstverwirklichung durch Selbstpreisgabe “ und „ Entprivatisierung durch Partizipation “ 50 .
Die „ Schleusen des Privaten “ 51 würden geöffnet , sodass ein scheinbar ungehemmter Strom persönlicher Informationen in die digitalen Kanäle fließe .
Auf der anderen Seite stellt er fest , dass die Privatsphäre heute so extrem angegriffen sei , dass es zu einer „ Renaissance des Privaten “ 52 als eine Art Gegenbewegung komme .
Menschen würden sich bewusst zurückziehen und den privaten Raum wieder neu schätzen .
In seiner Monographie „ Daten-Striptease ohne Reue ? Wie das Internet die Privatsphäre aushöhlt “ mahnt auch Daniel Rudlstorfer ( 2011 ) , dass es zu einer „ Intimisierung des Öffentlichen durch ehemals privat geheißene Themen “ 53 kommen würde .
Er zieht ebenfalls den Schluss , dass die Grenze zwischen privat und öffentlich durch die sozialen Netzwerke unscharf geworden sei und postuliert ein verlorenes individuelles Bewusstsein für die Privatsphäre . 54
Experten , die Rudlstorfer in Interviews befragt hat , gehen davon aus , dass die Privatsphäre umgedeutet wurde , dass sie heute in der Gesellschaft anders interpretiert und gesehen werde als früher , sowie dass die Nutzer durch die Dienste der Social Media halböffentlich geworden seien . 55
Einer der Experten spricht vom „ DatenstripteasePhänomen “ 56 .
Das Thema der Grenzverschiebung von Privatem und Öffentlichen findet sich außerdem bei Jan-Hinrik Schmidt ( 2013 ) :
Weiterhin sprechen Grimm/Zöllner ( 2012 ) davon , dass die Privatsphäre in den öffentlichen Raum des Social Web ausgelagert worden sei . 58
Entsprechend trägt ihre Monografie den Untertitel :
„ Die Veröffentlichung des Privaten in Social Media und populären Medienformaten “ .
Die Grenzen zwischen privat und öffentlich würden aufgeweicht , konstatiert auch Jakob Steinschaden ( 2010 ) und zitiert Professor Thomas W. Malone des Massachusetts Institute of Technology , der behauptet , es gäbe aktuell „ den Trend , dass vor allem jüngere Menschen immer weniger Privatsphäre wollen. “ 59
Ähnliches äußern Gross/Acquisti ( 2005 ) :
„ [ … ] participants are happy to disclose as much information as possible to as many people as possible ” 60 .
Die Nutzer würden lockeren Bekanntschaften , aber auch gänzlich Fremden , persönliche Informationen offen zur Verfügung stellen . 61
Und bei Leistert/Röhle ( 2011 ) ist zu lesen , dass sich seit dem Entstehen der Blogosphäre eine „ Kultur der Selbstpreisgabe “ 62 herausgebildet habe .
James Grimmelmann ( 2008 ) bezeichnet die Offenbarung privater Informationen in Social Media generell als Gefahr .
Die Nutzer würden allerdings die Privatheitsrisiken unterschätzen . 63
Er vergleicht Facebook-Nutzer mit so genannten Ghostridern , die ihr fahrendes Auto verlassen und neben bzw. auf dem Fahrzeug tanzen , während es fahrerlos weiterrollt :
„ [ Facebook ] users are the ones ghost riding the privacy whip , dancing around on the roof as they expose their personal information to the world ” 64 .
Die Selbstdarstellung der Nutzer wird damit als übertriebener Drang , sich der Welt zeigen zu wollen , geschildert und als höchst gefährlich eingestuft .
Vielfach wird im Zusammenhang der oben dargestellten Diskussion die Frage nach den Gründen für das Selbstdarstellungsverhalten der Social-Media-Nutzer laut :
Wie kommt es , dass sie anscheinend bereitwillig so viele private Informationen von sich preisgeben ?
Die massenmedialen Ansätze zur Klärung dieser Frage attestieren den Nutzern häufig Naivität .
So ist von Unwissenheit und „ naive [ r ] Unbekümmertheit “ 65 die Rede , die mediale Distanz führe zu Freizügigkeit , argumentiert der SPIEGEL.66 Ähnlich bemerkt auch die FAZ :
„ Die Menschen scheinen vergessen zu haben , dass die ganze Welt ihnen zusehen kann “ . 67
Als Motiv für die Bereitstellung von Daten wird außerdem der Drang nach Aufmerksamkeit bzw. das Streben nach Anerkennung angeführt . 68
„ Wer viel von sich preisgibt , wird interessant , er wird in anderen Blogs erwähnt oder mit " comments " überhäuft .
Das ist die neue Ökonomie der Aufmerksamkeit “ 69 , schreibt SPIEGEL-Autor Frank Hornig im Jahr 2006 .
Nach der Meinung dieser Journalisten sind die Nutzer darauf aus , interessant zu wirken und offenbaren deshalb freigiebig Informationen über sich .
Sie werden in ihrem Streben nach Aufmerksamkeit als medial unmündig diskreditiert und als naiv bzw. gedankenlos charakterisiert .
Auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema liefert mögliche Gründe für das Selbstoffenbarungsverhalten .
Hier scheinen die Erklärungsversuche jedoch etwas differenzierter .
Rudlstorfer ( 2011 ) z.B. nennt als mögliche Motive für die Selbstdarstellung der Nutzer ein Verewigungs- und Unsterblichkeitsverlangen im Internet . 70
In den von ihm geführten Experteninterviews werden darüber hinaus viele weitere Gründe für das Mitteilen persönlicher Daten angeführt :
Es ist von fehlender Web-Kompetenz die Rede , vom Streben nach sozialer Anerkennung oder von einem sozialen Druck sich selbst darzustellen , da dies als normal empfunden werde .
Besonders die Digital Natives empfänden es als Freiheit , alles über sich schreiben zu können – und würden diese über die eigene Privatsphäre stellen . 71
Einer der befragten Experten merkt an , dass „ Leute , die ihre Daten freiwillig im Web preisgeben , [ … ] noch in einem anderen Medienzeitalter [ leben ] , nämlich dem Fernsehen .
[ … ] Auch das Verhalten in Facebook und Co. entspricht dem Fernsehzeitalter “ 72 .
Den Nutzern wäre nicht bewusst , dass im Internet alles gespeichert werde; vielmehr würden sie , wie beim Fernsehen , von einem flüchtigen Medium ausgehen . 73
Taddicken/Schenk ( 2011 ) identifizieren ebenfalls mehrere Gründe für die Selbstoffenbarung der Nutzer .
Zunächst beschreiben sie , dass es einen Druck zu reziprokem Verhalten gäbe , da die Nutzer sich genötigt sähen , etwas über sich preiszugeben , weil andere Nutzer dies auch tun würden .
Außerdem spielen nach Ansicht dieser Autoren soziale Normen sowie situationsbezogene Einflüsse und das Setting , wie z.B. eine vertrauensvolle Atmosphäre , eine entscheidende Rolle . 74
Nach Leistert/Röhle ( 2011 ) ist der Umgang mit der Privatheit im Social Web generell problematisch , da diese als Mangel betrachtet und so gewissermaßen zu einem Fehlzustand werde .
Sie bedeute Abgeschiedenheit „ vom Lebensnerv der sozialen Netze “ 75 .
Umgekehrt weise das freizügige Verhalten der Social-MediaNutzer auf das Verlangen hin , integriert zu sein und teilzunehmen am sozialen Leben der Online-Dienste .
Darüber hinaus wird der Kampf um Anerkennung als Erklärung für die Bereitstellung persönlicher Daten herangezogen .
Schneider ( 2012 ) z.B. sieht den Hang dazu im Aufmerksamkeitsstreben des Menschen begründet .
Aufmerksamkeit gelte als „ virtueller Euro für alles Öffentliche “ 76 .
Ähnliches bemerken auch Bedürftig/Eisele et al. ( 2011 ) .
Sie beschreiben Aufmerksamkeit als Währung , die in sozialen Interaktionen hohen Wert besitze .
Diese treibe die Nutzer sozialer Netzwerke dazu an , immer mehr von sich zu offenbaren . 77
Weiterhin werden mangelnde Interneterfahrung und fehlende Kompetenz vermutet .
Den Nutzern wird Unkenntnis bzw. eine fehlerhafte Risikoeinschätzung der preisgegebenen Informationen attestiert . 78
Besonders junge Leute seien sich nicht im Klaren darüber , dass und wozu ihre privaten Daten genutzt werden könnten . 79
Die dargestellten Erklärungsansätze suggerieren einen naiven Nutzer , der allzu freigiebig mit persönlichen Informationen umgeht .
Studien haben jedoch gezeigt , dass sich die Mehrzahl der Social-Media-Teilnehmer um ihre Privatsphäre sorgt bzw. mit der Privatheitsthematik vertraut ist . 80
Viele Journalisten und Wissenschaftler 81 können diese Tatsache allerdings in keinen kausalen Zusammenhang mit dem Verhalten der Nutzer bringen , denn die geäußerten Sorgen scheinen das Maß an Informationspreisgabe im Social Web kaum zu beeinflussen .
Bedenken und Verhalten scheinen nicht übereinzustimmen :
Die Nutzer beschäftigen sich mit ihrer Privatsphäre und geben dennoch Persönliches weiter .
Diese Diskrepanz wurde daher seit einem einschlägigen Aufsatz von Susan Barnes ( 2006 ) zum Privacy Paradox erklärt . 82
Manche Beobachter und Analysten stellen sich darüber hinaus die Frage , ob sich das Verständnis von Privatheit verändert habe , ob Social-Media-Nutzer heute Dinge nicht mehr als schützenswert erachten würden , die sie noch vor einigen Jahren als Privatsphäre betrachtet hätten .
Diese Diskussion führt schließlich zu der Frage , ob das Konzept der Privatheit gänzlich obsolet geworden sei .
Bereits zu Beginn des 21 .
Jahrhunderts prophezeite Simson Garfinkel in seinem Buch „ Database Nation “ , dass die Privatheit in Zukunft verschwinden werde .
Ursachen dafür seien unter anderem die technischen Möglichkeiten und der zügellose Austausch von elektronischen Informationen . 83
Der Untertitel seines erstmals im Jahr 2000 veröffentlichten Buches lautet entsprechend „ The Death of Privacy in the 21st Century “ .
Auch Susan Barnes zieht einige Jahre später in ihrem Artikel „ A privacy paradox :
Social networking in the United States ” das Konzept der Privatheit in Zweifel :
“ In an age of digital media , do we really have any privacy ? ” 84 fragt sie darin .
Facebook-Gründer und -CEO Mark Zuckerberg geht bereits davon aus , dass Privatheit keine soziale Norm mehr sei :
" People have really gotten comfortable not only sharing more information and different kinds , but more openly and with more people " 85 , sagte Zuckerberg bei der Zeremonie zur Verleihung der Crunchie Awards im Januar 2010 .
Seiner Ansicht nach führt mehr Transparenz und Offenheit zu einer toleranteren und besseren Welt . 86
Während Garfinkel seine Prophezeiung vom Untergang der Privatsphäre noch als Anstoß sah , aktiv gegen den drohenden Verlust anzugehen , wird dies in der später aufkommenden Post-Privacy-Diskussion als zwecklos abgetan .
Post-PrivacyVertreter sehen das Leben ohne Privatheit bereits als Fakt :
„ It seems that we're beginning to accept that personal privacy is dead as a doornail , or at minimum , an outdated concept in today's world ” 87 , schreibt das Magazin PSYCHOLOGY TODAY .
Anhänger der Bewegung sind der Meinung , dass die Privatsphäre durch das Internet nicht mehr aufrechterhalten werden könne , die Nutzer hätten die Kontrolle über ihre eigenen Daten verloren .
Dies wird jedoch nicht als Gefahr verstanden , sondern vielmehr als Chance betrachtet .
Die so genannte Post-Privacy avanciert zu einer Idealvorstellung von Gesellschaft , die ohne Privatsphäre auskommt , weil man ihre schützende Funktion einfach nicht mehr brauche . 88
Post-Privacy-Anhänger hegen die Utopie , dass sich Toleranz und Solidarität durchsetzen werden , wenn sämtliche Daten von allen offenliegen und nichts mehr verdeckt gehalten werden muss bzw. kann .
Datenschutz im Zeitalter des Internets ist nach ihrer Meinung nicht erstrebenswert und ohnehin unmöglich . 89
So zielt beispielsweise der Blogger Christian Heller in seinem Buch „ Post-Privacy .
Prima leben ohne Privatsphäre “ darauf ab , seine Leser für „ ein Leben nach der Privatsphäre “ 90 zu sensibilisieren .
Demonstrativ stellt er im Selbst-Experiment bewusst Privates aus seinem Leben ins Netz :
Seine Tagesabläufe und Terminkalender können in einem von ihm programmierten Wiki91 verfolgt werden.
Das Selbstdarstellungsverhalten der Nutzer kann , wie im zweiten Teil wiedergegeben , aus einer normativen Perspektive betrachtet werden .
Dann entsteht allerdings ein einseitiges Bild , das allzu schnell zu pauschalen Urteilen führt :
Die Nutzer erscheinen naiv und nahezu süchtig danach , sich zur Schau zu stellen und Anerkennung zu finden .
Es werden zum Teil generalisierende Folgerungen abgeleitet , die oftmals Angst vor möglichen Gefahren im Social Web schüren .
Dies liegt auch daran , dass die Begriffe privat und öffentlich vielfach sehr ungenau verwendet werden , beispielsweise wenn Öffentlichkeit mit Zielgruppe gleichgesetzt wird . 92
Gerade im Zusammenhang der Selbstdarstellung in Social Media ist oft undifferenziert von einer Öffentlichkeit die Rede , die als gegebene Tatsache beschrieben wird bzw. von einem Abbau der Privatsphäre , mit dem die meisten Nutzer nicht umgehen könnten . 93
Es scheint so , als wäre die Privatsphäre in den sozialen Medien obsolet geworden .
Manche Autoren verbalisieren dementsprechend explizit das ( nahende ) Ende der Privatheit , andere lassen dies eher implizit anklingen .
Das Nutzerverhalten kann jedoch auch aus einer funktionalen Perspektive betrachtet werden .
Das ist , wie bereits eingangs erwähnt , das Ziel der vorliegenden Arbeit .
Zu diesem Zweck werden im Folgenden relevante Aspekte der soziologischen Systemtheorie um Niklas Luhmann und der modernen Netzwerktheorie nach Harrison C. White beschrieben .
Beide Ansätze liefern ein Begriffsinventar , das es ermöglicht , adäquat auf die dargestellten Behauptungen aus Massenmedien und Literatur einzugehen .
Der Themenkomplex Identitätsbildung und Privatheit kann so im vierten Teil neu angegangen werden .
Öffentlichkeit lässt sich , im Gegensatz zum oftmals unpräzisen Gebrauch in der Alltagssprache , systemtheoretisch genau fassen .
Luhmann beschreibt sie als die „ gesellschaftsinterne Umwelt der gesellschaftlichen Teilsysteme “ 94 .
Das kann z.B. die Umwelt eines Interaktionssystems sein .
Öffentlichkeit lässt sich dabei nicht generell festlegen , sondern sie muss je nach Kontext bestimmt werden , da die Grenzen eines Systems systemintern abgesteckt werden .
Als Umwelt gehört Öffentlichkeit zur nicht erreichbaren Seite der Systemgrenze .
Diese Außenseite wird jedoch dann relevant für das System , wenn es feststellt , dass es selbst durch sie beobachtet wird :
„ Wenn das System [ … ] reflektiert , daß es von außen beobachtet wird , ohne daß schon feststünde , wie und durch wen , begreift es sich selbst als beobachtbar im Medium der Öffentlichkeit “ 95 .
Öffentlichkeit ist also beobachterabhängig :
Das System muss wissen , dass es beobachtet wird .
Allerdings ist die Umwelt für ein System nur dann öffentlich , wenn nicht klar ist , wer beobachtet .
Öffentlichkeit enthält daher etwas Unvorhersehbares , dass sich der Kontrolle des Einzelnen entzieht .
Jeder kann auf das , was öffentlich ist , zugreifen . 96
Es ist dabei nicht abzusehen , wer das tut , daher kann z.B. auch nicht im Vorhinein abgeschätzt werden , wie Reaktionen auf ein bestimmtes Verhalten aussehen werden , oder ob es überhaupt Reaktionen geben wird .
Öffentlichkeit beschreibt deshalb nach Luhmann „ ein Kommunikationsnetz ohne Anschlußzwang “ 97 .
In der modernen Gesellschaft wird Öffentlichkeit vor allem von den Massenmedien repräsentiert .
Bestimmte Themen werden bearbeitet , bei denen aber offen ist , wie oder ob darauf reagiert wird . 98
Öffentlichkeit ist darüber hinaus ein Reflexionsmedium , denn sie macht Reflexion für ein System möglich und provoziert das Beobachten zweiter Ordnung . 99
Luhmann führt in diesem Zusammenhang die Metapher des Spiegels ein :
Öffentlichkeit hat die Eigenschaften eines Spiegels , durch den man nicht hindurchblicken und sehen kann , was andere Individuen tatsächlich denken .
Man sieht nur sich selbst vor diesem Spiegel , er reflektiert das eigene Verhalten und das der anderen , die jedoch nicht konkret bestimmt werden können .
Man kann nur das Beobachten anderer beobachten und wird in seinem eigenen Beobachten ebenfalls beobachtet . 100
Die Beobachter sind durch Abwesenheit gekennzeichnet und können daher auch nicht direkt adressiert werden . 101
Öffentlichkeit bezieht sich also immer auf Abwesende , die nicht konkreter bestimmt werden können und mit denen demzufolge auch keine Erwartungen aus anderen sozialen Zusammenhängen verbunden sind .
Daher kann nicht mit Reaktionen gerechnet werden , die persönlich zurechenbar wären .
In der diffusen Öffentlichkeit finden Verhaltenserwartungen kein konkretes Gegenüber , an die sie gerichtet werden könnten .
Luhmann ( 1971 ) schreibt daher :
Erwartungen sind in der Öffentlichkeit neutralisiert und können daher keine Verhaltensvorgaben bzw. Orientierungen mehr schaffen .
Das bedeutet Offenheit , Kontingenz und im Umkehrschluss fehlende Sicherheit .
Es gibt keine Personen , denen Verhalten als Handlung zugerechnet werden könnte .
Sobald sich jedoch die Zahl derer , die beobachten , einschränken lässt und mit diesen Individuen bestimmte Erwartungen verbunden werden können , verringert sich die Unsicherheit .
Diese Personen gehören dann nicht mehr zur Öffentlichkeit eines Systems .
Denn dann lässt sich sagen wer beobachtet und wie entsprechende Verhaltenserwartungen aussehen .
Dies ist z.B. im Interaktionssystem der Fall :
Die Interaktion schließt Öffentlichkeit aus , weil Handlungen Personen zugerechnet und diese mit Erwartungen verbunden werden .
Das Kriterium der Zurechenbarkeit stellt gerade ein Merkmal der Privatheit dar .
Es gibt bestimmbare Adressaten , das heißt einen begrenzten Beobachterkreis , und dadurch entsteht ein gewisser Sicherheitsrahmen , in dem Kontrolle über die Empfänger von Mitteilungen möglich wird .
Interaktion zeichnet sich daher gerade durch eine Nicht-Öffentlichkeit aus .
Im folgenden Abschnitt soll es nun ausführlich um die Eigenschaften von Interaktionssystemen gehen.
Um zu beschreiben , was systemtheoretisch unter Interaktionen verstanden wird , ist zunächst der Zustand der doppelten Kontingenz von Bedeutung , denn er bildet die Ausgangslage für alle sozialen Systeme .
Luhmann selbst definiert Kontingenz folgendermaßen :
„ Kontingent ist etwas , was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so , wie es ist ( war , sein wird ) , sein kann , aber auch anders möglich ist “ 103 .
Doppelt ist die Kontingenz deswegen , da die Interaktionspartner beide kontingent handeln können und ihnen bewusst ist , dass dies auch für den jeweils anderen gilt .
„ Jeder kann nicht nur so handeln , wie es der andere erwartet , sondern auch anders , und beide stellen diese Doppelung in erwartete und andere Möglichkeiten an sich selbst und am anderen in Rechnung “ 104 .
Es handelt sich somit um eine Unbestimmtheit , deren Auflösung wechselseitig vom Verhalten des anderen abhängig ist .
Das Handeln des einen kann erst fixiert werden , wenn klar ist , wie die anderen sich verhalten werden .
Das Gleiche gilt allerdings auch für die anderen .
Damit beschreibt doppelte Kontingenz die Unwahrscheinlichkeit , dass bestimmte Situationen zustande kommen oder gelingen . 105
Genau darin liegt allerdings die Voraussetzung für die Entstehung von Interaktionen als sozialen Systemen :
Anders ausgedrückt bedeutet das ebenfalls , dass die Ausgangssituation für die Interaktion offen sein muss , die Beteiligten dürfen in ihren Äußerungen nicht von vorneherein festgelegt sein . 107
Die Bildung von sozialen Systemen führt dazu , dass Komplexität reduziert wird , sie verkleinern die Auswahl des Möglichen , indem die Beteiligten einander durch Kommunikation in ihrem Verhalten beeinflussen und so eine soziale Ordnung schaffen . 108
Luhmann ( 2005a ) beschreibt soziale Systeme grundsätzlich folgendermaßen :
Interaktionen gelten in der Systemtheorie als einfachste Ausprägung sozialer Systeme , da sie keine innere Differenzierung aufweisen .
Die Interaktion kann sich nicht selbst als Umwelt betrachten , sie kann nicht als System gleichzeitig Umwelt eigener Teilsysteme sein . 110
Interaktionen stellen als einfache Sozialsysteme eine soziale Ordnung dar , die sich durch „ Kommunikation unter Anwesenden “ 111 ergibt .
Voraussetzung für Interaktion ist demnach gemeinsame Anwesenheit – und das Kriterium der Anwesenheit ist Wahrnehmbarkeit112 :
Anwesend sind diejenigen Beteiligten des Systems , die wahrnehmbare Handlungen ausführen .
Nichtanwesend ist all das , was nicht in den primären Wahrnehmungsraum fällt . 113
Die Beteiligten müssen sich also gegenseitig wahrnehmen und verstehen können .
Dabei kommt es nicht darauf an , wie intensiv die Wahrnehmung verläuft oder wie reichhaltig sie ist , sondern entscheidend ist vielmehr ihre Reflexivität .
Die Wahrnehmung muss als solche wahrgenommen werden . 114
Sie kann dabei selbstbezogen sein oder auf einen Vorgang gleicher Art angewendet werden .
Beispielsweise kann auch ( und gerade ) die Wahrnehmung des anderen an ihm wahrgenommen werden .
Wahrnehmung selbst ist eine Leistung des psychischen Systems115 , die aber für das Interaktionssystem von zentraler Bedeutung ist , denn sie geht der Kommunikation voraus .
Reflexive Wahrnehmung führt sogar notwendigerweise zu Kommunikation , denn Wahrnehmungsverhalten zählt als kommunikative Mitteilung und diese wiederum erfordert eine Antwort .
Auch Schweigen wird daher als kommunikativer Akt , nämlich als Verweigerung , zugerechnet . 116
Es gilt das viel zitierte Axiom Paul Watzlawicks :
„ Man kann nicht nicht kommunizieren “ [ Hervorhebung im Original ] 117 .
Hieran wird deutlich , dass beide Systeme zusammenhängen – sie sind durch strukturelle Kopplungen verbunden – aber dennoch eigenständig operieren .
Beispielsweise setzt Interaktion immer auch Wahrnehmungs- bzw. Aufmerksamkeitsleistungen der beteiligten psychischen Systeme voraus . 118
Aus dem bisher Beschriebenen lässt sich ableiten , dass ein Interaktionssystem dann zustande kommt , wenn mindestens zwei Individuen anwesend sind , die sich als kontingent handelnd definieren und sich gegenseitig wahrnehmen können .
Daraus ergibt sich zwangsläufig , dass die Interaktion als System Grenzen hat bzw. Unterscheidungen trifft – zentrales Kriterium ist dabei die Anwesenheit; wie bereits beschrieben , gehört nur dazu , wer anwesend ist . 119
Die Interaktion zieht damit eine Grenze der Indifferenz :
Alles was abwesend ist , wird als gleichgültig behandelt .
So wird z.B. ignoriert , was für Dritte während bzw. für die Beteiligten vor oder nach der Interaktion wichtig sein könnte .
Die Innenseite der Grenze verfügt dagegen über eine hohe Sensibilität gegenüber der Kommunikation unter den Anwesenden . 120
Interaktion ermöglicht darüber hinaus sowohl „ Ausgrenzung und Exklusion trotz kontinuierlicher Präsenz [ als auch ] Inklusion trotz diskontinuierlicher Präsenz “ 121 .
Das heißt , auch wenn jemand während eines Interaktionsvorgangs unmittelbar gegenwärtig ist , kann er trotzdem bewusst ausgeschlossen werden :
Dies trifft z.B. auf einen Zugreisenden zu , der nicht in die Interaktion zwischen zwei anderen Fahrgästen einbezogen wird , die ihm gegenüber sitzen .
Der zweite Fall ist z.B. dann gegeben , wenn jemand , der während eines Gesprächs kurzzeitig den Raum verlässt , unter den Verbleibenden trotzdem als weiterhin anwesend behandelt wird .
Interaktionssysteme ziehen ihre Grenzen durch eigene Systemoperationen , dadurch sind sie beweglich und nicht festgelegt . 122
Dabei kommt der Themenwahl eine solch grenzziehende Funktion zu .
Die Themen- und Beitragswahl reduziert die immanente Komplexität im System und bietet die Möglichkeit , Kontrolle auszuüben , indem die Themenwahl so getroffen werden kann , dass andere aus- oder eingeschlossen werden . 123
Das System definiert seine Themen selber und gibt dadurch einen Rahmen für die Kommunikation vor . 124
Themen strukturieren folglich das Interaktionssystem .
Dies zeigt sich darüber hinaus auch daran , dass Interaktionen nur ein Thema zur gleichen Zeit bearbeiten können , sie sind also zum zeitlichen Nacheinander gezwungen .
Das gewählte Thema grenzt andere Themen und Beiträge als nicht passend aus und produziert damit Erwartungen an die Äußerungen der Beteiligten im Interaktionssystem . 125
Schließlich steht nur eine beschränkte Kapazität an Aufmerksamkeit für die Behandlung relevanter Themen zur Verfügung .
Es kann dementsprechend auch nur ein Beteiligter auf einmal reden und zwar nur zu einem Thema , dem gerade die Aufmerksamkeit gilt . 126
Ein Thema zeichnet sich dadurch aus , dass es die zeitliche Grenze der Interaktion überschreiten muss , das heißt es besitzt mögliche Relevanz auch vor und nach der Interaktion und für Abwesende . 127
Außerdem kann durch Sprache auch und gerade Nichtanwesendes thematisiert und damit auf die Umwelt des Interaktionssystems referiert werden .
Anwesende selbst können dagegen nicht zum Thema gemacht werden . 128
Soziale Interaktion kann weiterhin eine Systemgeschichte aufweisen , die unter den Teilnehmern als bekannt vorausgesetzt wird .
Das führt dazu , dass keiner bereits getätigte Äußerungen leugnen und sich den daraus entstandenen Erwartungen entziehen könnte .
Denn die Interaktionspartner verfügen über ein Gedächtnis , das es ermöglicht , an vorherige Kommunikation anzuschließen und eventuellen Falschaussagen zu widersprechen . 129
Das hat allerdings zur Folge , dass es für Außenstehende schwierig wird , die Geschichte der Interaktion so nachzuvollziehen , dass , wenn sie an der Interaktion teilnehmen wollen , es zu keiner thematischen Unterbrechung kommt .
Personenwechsel sind daher schwierig , weil sie dazu führen , dass eine neue Geschichte entsteht . 130
Soziale Systeme verfügen aber nicht allein über eine Geschichte , sondern auch über eine Zukunft , wenn die Teilnehmer Interesse am Fortbestehen der Kommunikation zeigen .
Die gemeinsame Interaktionsgeschichte bestimmt dabei das Handeln der Teilnehmer in der Zukunft . 131
Interaktionsprozesse sind darüber hinaus in Bezug auf die Teilnehmer beschränkt .
Sie erreichen ihr Limit dann , wenn weitere Teilnehmer lediglich schweigen , das heißt passiv sein müssten , und nicht mehr der Anteil der aktiv Beteiligten erhöht werden kann .
Denn Interaktionssysteme zeichnen sich gerade dadurch aus , dass alle Beteiligten etwas beitragen können und direkten Zugang zum kommunikativen Geschehen haben . 132
In Interaktionssystemen spielt die Selbstdarstellung eine wichtige Rolle .
Denn als wahrnehmbares Verhalten wird sie auf die nicht direkt wahrnehmbaren Einstellungen , Überzeugungen , Ansprüche usw . der Interaktionspartner übertragen .
Die Teilnehmer einer Interaktion sehen sich somit einer generalisierenden Beobachtung gegenüber und wenden diese gleichzeitig auch selber an .
Dadurch erhalten einzelne Handlungen einen symbolischen Wert , indem sie zur Erwartungsbildung beitragen und auf die Person angerechnet werden . 133
Das Wissen darüber beeinflusst die Selbstdarstellung :
Es führt dazu , dass bestimmte Verhaltensweisen in den Vordergrund gerückt , andere aber bewusst außer Acht gelassen bzw. kaschiert werden .
Die Interaktionsteilnehmer ermöglichen sich dabei gegenseitig , als Person sympathisch zu wirken . 134
Denn die Selbstdarstellung eines Interaktionsteilnehmers beeinflusst das Bild , das sich die anderen von seiner Person machen .
Das kann zur Folge haben , dass sich manch einer besonders exponiert darstellen und ins rechte Licht rücken will oder besonders zurückhaltend ist .
Denn auch Zurückhaltung wird in der Interaktion zur Selbstdarstellung , da der Betreffende dadurch etwas über sich preisgibt , was ihm als Person zugeschrieben werden kann . 135
Wie auch immer die Handlungsmotive konkret aussehen , wird das Selbstdarstellungsverhalten auf die Person rückbezogen und daraus werden verallgemeinernde Schlüsse abgeleitet .
Nicht zuletzt deswegen , weil davon ausgegangen werden kann , dass Personen motiviert handeln . 136
Die Selbstdarstellung entscheidet daher darüber , wie eine Person wahrgenommen wird , welche Erwartungen sich an ihr Verhalten herausbilden und ob sie als vertrauenswürdig gilt .
Deshalb schreibt Luhmann „ [ … ] die Vertrauensfrage schwebt über jeder Interaktion , und die Selbstdarstellung ist das Medium ihrer Entscheidung “ 137.
Personen spielen im Zusammenhang sozialer Interaktion eine wichtige Rolle , daher ist der Begriff zum Teil auch schon in die bisherigen Ausführungen eingeflossen .
Luhmann versteht ihn jedoch nicht alltagssprachlich im Sinne von singulären bzw. typischen Merkmalen eines konkreten Individuums , sondern als „ Kollektividee “ 138 .
Personen entstehen zwangsläufig , wenn kommuniziert wird und sie sind erforderlich , um Kommunikation fortzusetzen .
Im Unterschied zum Menschen entstehen Personen erst durch Sozialisation und Erziehung . 139
Eine Person wird durch zwei Seiten bestimmt :
Sie grenzt sich von der Unperson ab und gilt daher als Form , mit der Individuen beobachtet werden können .
Die unmarkierte Unperson-Seite weist alle Verhaltensweisen auf , die einer Person prinzipiell offenstehen , die diese aber nicht zeigt und die auch nicht von ihr erwartet werden .
Es handelt sich folglich um die volle Kontingenz von Handlungsmöglichkeiten .
Die markierte Person-Seite hingegen beinhaltet individuell begrenzte Verhaltensoptionen , die auf einen Erwartungshorizont reduziert wurden .
Dadurch wird soziale Unsicherheit verringert und die Kontingenz des Möglichen auf eine Auswahl des Wahrscheinlichen eingeschränkt .
Dies ist zwingend nötig , um sich angemessen verhalten zu können . 140
In Interaktionssystemen verhalten sich die Beteiligten als Personen :
Sie zeigen eine gewisse Kontinuität in ihrem Handeln , an der sich die anderen Teilnehmer orientieren können .
Personen lösen dadurch die Problematik der doppelten Kontingenz in dem Maße , dass die Handlungsalternativen begrenzt werden . 141
Denn es ist in der Interaktion nicht möglich , sämtliche persönliche Eigenschaften als situationsflexibel zu betrachten .
Die meisten Merkmale der anwesenden Personen müssen als konstant angesehen werden , um sinnvoll handeln zu können .
Daraus folgt auch eine gewisse interaktionsübergreifende Kontinuitätserwartung an Personen , das heißt ihnen wird ein erwartbares Verhalten unterstellt . 142
Das psychische System indes , das mit Bewusstseinsleistungen wie Wahrnehmungen oder Gedanken operiert , ist für das Interaktionssystem äußerlich betrachtet irrelevant , denn nur die Außenwirkungen eines psychischen Systems werden in der Gesellschaft wahrgenommen .
Gedanken können kommunikative Vorgänge nur bedingt und vermittelt beeinflussen . 143
Hier dienen Personen jedoch „ der strukturellen Kopplung von psychischen und sozialen Systemen “ 144 .
Sie entstehen durch Interaktionen und ordnen die Verhaltenserwartungen darin mithilfe des psychischen Systems .
Je mehr ( verschiedene ) Erwartungen dabei auf ein Individuum bezogen werden , desto vielschichtiger ist die Person .
Daher kann sie , je nach Kontext und Umfeld , verschiedene , sogar widersprüchliche Züge zeigen . 145
Erwartungen haben im Zusammenhang von Interaktionssystemen eine zentrale Funktion , weil sie angemessenes Verhalten überhaupt erst ermöglichen .
Wie am Personenbegriff dargestellt , reduzieren sie die Fülle der Möglichkeiten auf eine anschlussfähige Auswahl und bieten dadurch Orientierung .
Erwartungen zu hegen heißt daher immer , den Möglichkeitsspielraum zu begrenzen . 146
So wird z.B. erwartet , dass ein freundlicher Gruß mit einem Gruß erwidert wird , aber nicht , dass darauf eine Auskunft über die Uhrzeit folgt .
Da soziale Situationen durch doppelte Kontingenz gekennzeichnet sind , erfordern sie reflexive Erwartungsstrukturen .
Erwartungen müssen erwartet werden können , um sozialen Systemen , wie z.B. der Interaktion , als Struktur zu dienen . 147
„ Ego muß erwarten können , was Alter von ihm erwartet , um sein eigenes Erwarten und Verhalten mit den Erwartungen des anderen abstimmen zu können “ 148 .
Ego und Alter sind dabei die zwei Bezugspunkte der Interaktion :
Alter als der Andere , der Absender und Ego als Ich bzw. Empfänger der Mitteilung . 149
Es ist daher wichtig , neben dem Verhalten des anderen auch dessen Erwartungen erwarten zu können , um angemessen handlungsfähig zu sein .
Erzählt beispielsweise jemand davon , dass er seine Masterarbeit endlich abgegeben habe , wird nicht erwartet , dass ein Freund daraufhin berichtet , wie er seinen Pudel frisiert hat .
Vielmehr wird eine Reaktion der Freude , des Lobs oder allenfalls des Neids erwartet.
Und der Reagierende weiß um diese Erwartung .
Solche Erwartungserwartungen ermöglichen es , Komplexität und Kontingenz zu bewältigen und Enttäuschungen möglichst gering zu halten . 150
In diesem Zusammenhang spielt auch taktvolles Verhalten eine bedeutende Rolle , denn es orientiert sich an Erwartungen von Erwartungen :
Takt ist nach Luhmann „ ein Verhalten , mit dem A sich als derjenige darstellt , den B als Partner braucht , um derjenige sein zu können , als der er sich A gegenüber darstellen möchte “ 151 .
A verhält sich also derart , dass B sich ihm/ihr gegenüber so präsentieren kann , wie B sich das wünscht .
Erwartungen können allerdings auch fehlgeleitet sein .
A kann sich in der Annahme irren , was B von ihm/ihr erwartet und das trifft natürlich auch auf B zu .
Eine Erfüllung der erwarteten Erwartungen kann dann zur Enttäuschung des anderen führen .
Im alltäglichen Umgang gehen die Interaktionspartner jedoch normalerweise nicht von dieser Möglichkeit aus .
Wesentlich wichtiger als die Sicherheit , dass Erwartungen erfüllt werden , ist außerdem die Sicherheit , dass Erwartungen erwartet werden können .
Darauf basieren Interaktionen . 152
Dennoch gibt es grundsätzlich die Option , enttäuscht zu werden .
Erwartungsstrukturen zeitigen die Differenz von Erfüllung auf der einen und Enttäuschung auf der anderen Seite . 153
Für den Enttäuschungsfall stehen dem System zwei Verhaltensstrategien zur Verfügung .
Hierfür trifft Luhmann eine Unterscheidung zwischen normativen und kognitiven Erwartungen .
Während sich kognitive Erwartungen ändern und an die Wirklichkeit angepasst werden können – in diesem Fall können sich Erwartungsabhängigkeiten neu organisieren – bleiben normative Erwartungen trotz Enttäuschungen bestehen .
Werden normative Erwartungen nicht erfüllt , wird dies dem Enttäuschenden als Verschulden angerechnet , die Erwartung hingegen behält weiterhin ihre Gültigkeit . 154
Wird z.B. die Erwartung , dass ein Physiklehrer seinen Schülern Physik beibringt , enttäuscht ( indem er stattdessen über seinen letzten Urlaub referiert ) , gilt die Nichterfüllung dieser Erwartung als Verschulden des Lehrers .
Die Enttäuschung beeinflusst die Erwartung nicht dahingehend , dass sie verändert wird .
Darüber hinaus gibt es auch Erwartungen , die als Selbstverständlichkeiten im Alltag kaum enttäuscht werden , das heißt als relativ sicher gelten und daher die oben genannte duale Unterscheidung zwischen normativ und kognitiv nicht benötigen .
In diesen Fällen sind die Erwartungen mehr oder weniger unbewusst und unscharf ausgeprägt , kognitive und normative Erwartungselemente bilden eine undifferenzierte Einheit bzw. gehen ineinander über .
Luhmann selbst nennt hier das Beispiel einer alltäglichen Konversation , bei der erwartet wird , dass das Gegenüber eine physische Distanz einhält , die als angenehm empfunden wird und nicht etwa zehn Meter entfernt steht oder so nah heranrückt , dass der Partner seinen Atem spüren kann .
Da diese Art von Erwartung an Selbstverständlichkeiten geknüpft ist , gelten Abweichungen als Ausnahme und Enttäuschungen werden als Einzelfälle behandelt . 155
Nicht alle Erwartungen – darunter Alltagserwartungen – regulieren also im Vorhinein den möglichen Enttäuschungsfall .
In unsichereren Erwartungssituationen wird genau dies aber vollzogen , sodass die Erwartung gefestigt wird . 156
Im Zusammenhang der Erwartungsbildung können darüber hinaus auch Erfahrungen wichtig werden .
Sie fließen in die Erwartungsbildung mit ein und lösen Erwartungen von reiner Willkür .
Luhmann spricht daher auch von generalisierten Erwartungen , die ereignisübergreifend bestehen bleiben . 157
Generalisierte Erwartungen sind das zentrale Merkmal von Vertrauen , denn es entsteht „ durch Überziehen der vorhandenen Information “ 158 .
Das heißt , die Grenzen von bereits gemachten Erfahrungen werden überschritten , indem sie auf neue , vergleichbare Situationen übertragen werden .
Vertrauen kann daher als soziales Verbindungselement zwischen vorhandenem Erfahrungswissen und einer ungewissen Zukunft angesehen werden . 159
Es reduziert die Komplexität der möglichen Handlungsalternativen , indem der andere als Person betrachtet und folglich mit bestimmten Verhaltensweisen gerechnet wird .
Auf diese Weise vollzieht der Vertrauende eine Selektion und erwägt bestimmte Entwicklungsoptionen von vorneherein nicht . 160
Für den Vertrauensprozess müssen drei Strukturkomponenten vorhanden sein :
Erstens muss eine „ Teilverlagerung der Problematik von „ außen “ nach „ innen “ [ Hervorhebung im Original ] 161 stattfinden , wobei die Kontingenz der Umwelt durch eine innerlich vorstrukturierte Sicherheit ersetzt wird .
Innere , subjektive Ordnung substituiert äußere Unsicherheit .
Dadurch wird die Komplexität der Umgebung reduziert , bzw. können die Unsicherheiten der Außenweltbeziehungen eher bewältigt werden .
Zweitens müssen Vertrauensbeziehungen gelernt werden .
Der Lernvorgang beginnt bereits in frühester Kindheit im Familienumfeld und setzt sich auch später kontinuierlich fort .
Mit zunehmender Identitätsbildung entwickelt der Lernende ein Vertrauen , das von sich selbst ausgeht und eigenes Verhalten auf andere überträgt .
Dadurch können Erlebnisse in sozialen Situationen generalisiert werden .
Drittens kommt es zu symbolischer Kontrolle , da der Vertrauensprozess aus Komplexitätsgründen nicht explizit reflektiert werden kann .
Einzelne Geschehnisse erlangen einen symbolischen Wert , indem sie als Indizien die generelle Vertrauenswürdigkeit des anderen in Frage stellen können .
Sie werden verallgemeinert und dienen dadurch der Eigenkontrolle , inwiefern Vertrauen vertretbar ist und im Rahmen bestimmter Erwartungen stattfindet . 162
Vertrauensbildung bezieht grundsätzlich auch den Fall einer „ kritische [ n ] Alternative “ 163 mit ein , das heißt den Fall des Vertrauensbruchs .
Denn der andere muss sich nicht zwangsläufig den Erwartungen entsprechend verhalten .
Daher erfordert Vertrauen auch eine „ riskante Vorleistung “ 164 , denn der Vertrauende weiß nicht , wie sich sein Gegenüber tatsächlich verhalten und ob er das Vertrauen brechen wird .
Vertrauen schafft also keine absolute Sicherheit , konzentriert sich jedoch auf die Wahrscheinlichkeit bzw. die Erwartbarkeit eines bestimmten Verhaltens , auch wenn negative Konsequenzen prinzipiell möglich sind und bedacht werden .
Darin unterscheidet sich Vertrauen von Hoffnung , die Kontingenz nicht in Erwägung zieht und daher auch nicht durch Erwartungen eingrenzt .
Der Vertrauensprozess muss bzw. kann allerdings auch nicht bei jeder Entscheidung bewusst vollzogen werden , sondern läuft zum Teil routiniert ab .
Dies trifft insbesondere auf relativ sichere Verhaltenserwartungen in Alltagssituationen zu , die z.B. als Selbstverständlichkeiten gelten . 165
Vertrauen hängt darüber hinaus von Sanktionsmöglichkeiten ab , die allerdings nicht explizit reflektiert werden dürfen , damit es nicht zu Misstrauensbildung kommt .
Sanktionsmöglichkeiten erfordern einen gewissen zeitlichen Fortbestand der Beziehung , denn die Interaktionspartner müssen sich wiedersehen :
„ Es herrscht das Gesetz des Wiedersehens “ 166 .
Der Vertrauende kann so ggf. im Nachhinein einen Vertrauensbruch mit Konsequenzen belegen .
Außerdem kann er davon ausgehen , dass sich auch der , dem vertraut wird , dieser Möglichkeit bewusst ist .
Weiterhin muss das Vertrauen sozial gerechtfertigt und anerkannt sein , damit Sanktionsmöglichkeiten bestehen .
Naive Zuversicht führt dagegen eher zu Unverständnis bzw. Verurteilung durch das soziale Umfeld . 167
Als „ supererogatorische Leistung “ 168 kann Vertrauen selbst weder erwartet noch eingefordert werden , denn es handelt sich um eine Mehrleistung , die sozusagen einen Vorschuss gibt , der nicht verpflichtend ist und gerade deshalb honoriert wird .
Die Vertrauenserfüllung geht über einen Soll-Anspruch hinaus .
Wenn sie jedoch erbracht wird , normiert sie ein gewisses Verhalten und beansprucht eine Gegenleistung .
Der Vertrauende erwartet , dass der andere ihn nicht enttäuschen , sondern stattdessen sein Vertrauen anerkennen wird .
Beide Interaktionsseiten müssen sich also auf Vertrauen einlassen und einen entsprechenden Einsatz bringen .
Dabei muss der Vertrauende den ersten Schritt machen .
Das Risiko , das er somit eingeht , minimiert sich für ihn durch einzelne Vertrauensschritte , die nacheinander gegangen werden und die die Vertrauenswürdigkeit des anderen bestätigen ( oder widerlegen ) .169
Vertrauen führt also dazu , dass das Verhalten des anderen hinterfragt wird :
Entspricht es seiner Selbstmitteilung ?
Setzt er seine umfassenden Handlungsmöglichkeiten entsprechend seiner Persönlichkeit ein ?
Seine Handlungen werden ihm symbolisch zugeschrieben und damit auf seinen Charakter angewendet .
Auf diese Weise kontrolliert der Vertrauende das Verhalten des anderen , sodass es für diesen schwierig werden würde , eine widersprüchliche Selbstdarstellung auf Dauer zu rechtfertigen .
Als Person ist er vielmehr darum bemüht , ein stabiles Bild von sich zu präsentieren .
Denn ihm ist der symbolische Wert seines Verhaltens zumeist sehr bewusst .
Das heißt daher auch , dass er seine Handlungsweisen gezielt Erwartungen anpassen kann . 170
Vertrauensbildung orientiert sich insofern an der Selbstdarstellung des Gegenübers und setzt diesbezüglich eine gewisse Kontinuität voraus .
Es wird erwartet , dass der andere sich im Sinne seiner eigenen Verhaltensgeschichte darstellt , daran anknüpft und sich , zumindest im Rahmen abgrenzbarer Kontexte , zu einer gewissen Beständigkeit verpflichtet fühlt .
Der , dem vertraut wird , muss dementsprechend die Erwartungen anderer bei seiner eigenen Selbstdarstellung berücksichtigen .
Selbstdarstellung ist damit ein durch und durch sozialer Prozess , an dem die Interaktionspartner mitwirken .
So werden Interaktionen zum Schauplatz der Identitätsbildung :
Durch die Wechselbeziehung mit dem sozialen Umfeld wird das Selbst geformt . 171
Auch der Vertrauenserweis geht im Übrigen mit Selbstdarstellung einher , denn die Vertrauensbereitschaft sagt etwas über die Person aus – so kann ihr Verhalten von anderen z.B. als leichtfertig oder aber verantwortungsvoll und bedacht bewertet und ihr als Person angerechnet werden . 172
Um anderen vertrauen zu können , ist daher auch ein gesundes Maß an Selbstvertrauen gefragt .
Mit zunehmendem Selbstvertrauen , das heißt dem Vertrauen in die Inszenierung des Selbst und deren wohlwollende Interpretation durch andere , erweitern sich auch die eigenen Handlungsmöglichkeiten .
Der Vertrauende geht davon aus , von anderen prinzipiell angenommen zu werden . 173
Hier schließen sich die Überlegungen Harrison C. Whites an .
Sie lassen sich an die Systemtheorie Niklas Luhmanns anschließen und ergänzen diese gerade in Bezug auf die Identitätsbildung .
So entfaltet White in seinem Hauptwerk „ Identity and Control “ ( 2008 ) , dass Identität erst in Beziehungsgeflechten entsteht und nicht a priori gesetzt werden kann .
Boris Holzer bezeichnet Whites Theorie daher als „ relationale [ n ] Konstruktivismus “ 174 , der sich „ einerseits gegen einen naiven Empirismus [ wendet ] , für den die Akteure immer schon da sind , andererseits aber auch gegen einen Strukturalismus , der ohne Handlung als Quelle von Überraschungen auskommt “ 175.
Wie Luhmann geht auch White davon aus , dass Identität nicht als ontologische Substanz gedacht werden kann , sondern sich erst in der Wechselseitigkeit konstruiert .
Sie wird durch andere gestaltet und verändert und ist daher im ständigen Prozess . 176
Nach diesem Ansatz gibt es keinen stabilen Wesenskern und auch keine fertige Identität .
Das Selbst kann ständig neu erfahren und erweitert werden .
Identitäten werden bei White darüber hinaus nicht im konventionellen , alltäglichen Sinne verstanden , sondern sie gelten allgemein als Quelle von Handlungen , als Entitäten , denen Beobachter Bedeutung und Sinn zuschreiben können . 177
Der Begriff ist damit nicht auf Individuen begrenzt , auch wenn er in der vorliegenden Arbeit ausschließlich auf diese bezogen wird .
Identitäten entwickeln sich durch Kontrollbemühungen in einer sozialen Situation , die in ihrer Ausgangslage zunächst durch Unsicherheit und Kontingenz gekennzeichnet ist .
Es gibt keine gegenseitigen Erwartungen , die das Handeln bestimmen könnten , die Beteiligten wissen nicht , wie sich die jeweils anderen verhalten werden .
Und darin liegt nach White die Antriebskraft für den Aufbau von Identitäten :
“ Identities spring up out of efforts at control in turbulent context “ 178 .
Sie entstehen aus den Versuchen , Unsicherheit zu kontrollieren , indem sie danach streben , einen festen Standpunkt ( Footing ) inmitten einer kontingenten Umwelt zu finden . 179
Boris Holzer schreibt :
„ Identität wird damit beobachtbar als der Ausdruck eines Bedürfnisses nach sozialer Verortung ( social footing ) “ 180 .
Das Bedürfnis nach Kontrolle darf jedoch nicht als Machtstreben missverstanden werden – vielmehr handelt es sich um existenziell wichtige Vorgänge für die Identitätsbildung .
Kontrolle ist , nach White , das Basis-Moment in sozialen Netzwerken und beschreibt das Verlangen , mehr oder weniger feste Bindungen zu schaffen und damit Halt und eine bestimmte Position im sozialen Umfeld von anderen Identitäten zu finden .
So lassen sich Unsicherheit und Kontingenz in der sozialen Umwelt reduzieren .
Kontrolle lässt sich daher als Vorwegnahme und Reaktion auf Vorgänge in der Umwelt verstehen .
Dazu gehören auch die Kontrollversuche anderer Identitäten . 181
Das Kontrollstreben ist dementsprechend wechselseitig und geschieht nicht für sich allein :
Die unterschiedlichen Kontrollbemühungen verknoten sich miteinander , sodass es zur Bildung von Beziehungen ( Ties ) kommt . 183
Es entsteht ein fester Standpunkt inmitten von anderen Identitäten .
G. Reza Azarian bezeichnet Kontrolle daher auch als „ Tie Management “ 184 .
Sie schafft Orientierung und leitet die Interaktionen mit anderen Identitäten .
Da Identitätsbildung ein wechselseitiger Prozess ist , hängt sie davon ab , in welchen Beziehungen sich ein Individuum befindet , in welche Netzwerke es eingebunden ist .
Denn die soziale Umgebung determiniert , welche Identitäten sich ausbilden können :
Jede Beziehung bringt in ihrem je eigenen Kontext auch spezifische Erwartungen und Verpflichtungen mit sich , die sich von anderen unterscheiden .
In jedem Kontext können daher andere Aspekte ein und derselben Person relevant werden .
Das Individuum hat demzufolge mehrere Identitäten , zwischen denen es wechselt , es wird zum Schnittpunkt verschiedener sozialer Sphären , da es in viele verschiedene Kontexte verwoben ist . 185
Trotzdem gibt es bestimmte Aspekte , die kontextübergreifende Bedeutung haben :
So bleibt beispielsweise im Kollegennetzwerk der Familienstand oder das Freundesnetzwerk nicht gänzlich unbeachtet .
Die einzelnen , kontext- bzw. netzwerkbezogenen Identitäten einer Person können auch in anderen Zusammenhängen aktualisiert werden . 186
Personen bestehen daher , entsprechend ihrer sozialen Eingebundenheit , aus mehreren Identitäten :
White spricht von so genannten Identitätenbündeln :
„ [ … ] persons will appear as bundles of identities “ 187 .
Hier lässt sich auch der Luhmann’sche Personenbegriff angliedern .
Nach Holzer/Fuhse ( 2010 ) lassen sich Personen , im Sinne Luhmanns , als „ Bündel von Erwartungen “ 188 beschreiben , die in der sozialen Situation , in Kommunikationsakten , entstehen .
Durch diese Wortwahl entsteht eine formale Parallelität zur Terminologie Whites , die aber auch inhaltlich begründet ist .
Denn Personen müssen , je nach sozialem Kontext , verschiedene Erwartungen vereinbaren und sich entsprechend unterschiedlich verhalten .
Sie überspannen daher verschiedene Identitäten.
White unterscheidet verschiedene Dimensionen von Identität , in die sich die bisherigen Überlegungen eingliedern lassen 189 :
Im Zusammenhang mit der Identitätsbildung spielen die Begriffe Tie und Story eine wichtige Rolle .
Ties bezeichnen alle Zweierbeziehungen unterschiedlicher Stärke , über die Identitäten verfügen . 201
Das können Beziehungsgeflechte z.B. zu Freunden oder Bekannten etc. sein , aber auch zu Freunden und Bekannten dieser ersten Gruppe .
Ties verketten sich folglich miteinander , sodass es zu Verbindungen über die direkte Zweierbeziehung hinaus kommt .
Außerdem können sie vielfältige Dimensionen aufweisen , wenn z.B. eine Beziehung zwischen Arbeitskollegen existiert , die gleichzeitig auch Freunde sind . 202
Identitäten koppeln sich durch Ties an andere Identitäten , sie lösen sich aber auch ständig wieder von diesen; White spricht in diesem Zusammenhang von „ Coupling “ und „ Decoupling “ . 203
Ties lassen sich durch einen bestimmten Kontext in einer Story konkretisieren .
White schreibt :
„ A story is a tie placed in context “ 204 .
Stories entstehen demnach in konkreten Netzwerk-Verbindungen und ermöglichen es , die Beziehungen zwischen den Identitäten zu unterscheiden und zu charakterisieren , z.B. als Bekanntschaft , Freundschaft oder Intimbeziehung .
Durch sie wird Identität erzählt oder anders ausgedrückt :
dargestellt .
Stories gelten dabei immer als gemeinsame Produktionen und sind nicht das kreative Ergebnis von Einzelnen .
Sie entstehen durch interagierende Kontrollbemühungen von zwei Identitäten , die in Beziehung zueinander stehen . 205
Stories beschreiben die Beziehung dann aus der subjektiven Perspektive eines Beteiligten und definieren sie damit gleichzeitig .
Dazu gehört die Geschichte , der Status quo und die mögliche Zukunft der Beziehung . 206
Durch ihren reziproken Charakter lassen sich Stories mit dem Erwartungsbegriff von Luhmann in Einklang bringen :
Sie beschreiben , wie die Beziehung von beiden Seiten wahrgenommen wird und äußern sich als reflexive Erwartungen . 207
Das Luhmann‘sche Konzept der Erwartungen , das zentral für die Ausführungen im vierten Teil ist , kann also durch den Story-Begriff von White ersetzt und ergänzt werden.
An einigen Stellen dieses Kapitels wurde bereits auf Gemeinsamkeiten in den Ansätzen von Luhmann und White hingewiesen .
Beide Theorien sind miteinander kompatibel und die Terminologien , wie z.B. der oben genannte Story- und Erwartungsbegriff , vielfach austauschbar .
White selbst bezieht sich an mehreren Stellen seines Werkes „ Identity and Control “ ( 2008 ) auf Luhmann und sieht dessen Systemtheorie als vereinbar mit seinem eigenen Ansatz an . 208
Auch in der wissenschaftlichen Rezeption gelten beide Theorien als weitestgehend übereinstimmend .
So bemerkt Stegbauer ( 2008 ) , dass sich Anknüpfungspunkte von Netzwerktheorie und Systemtheorie ergeben würden bzw. Whites Konzeption „ als eine Art Erweiterung der Systemtheorie “ 209 gelesen werden könne .
Grundsätzlich gemeinsam ist beiden Ansätzen , dass sie umfassende Zusammenhänge beschreiben wollen .
Netzwerke und soziale Systeme sind daher zunächst jeweils Reaktionen auf soziale Komplexität und durch Selektion ( aus Elementen , Kontakten etc.) charakterisiert . 210
Beide Theoretiker gehen von konstruktivistischen Grundannahmen aus und setzen Identität nicht als gegeben voraus .
Sie legen den Fokus bei der Identitätsbildung stattdessen auf den Kontext , auf die Beziehungen des Individuums , die seine Identität formen .
So entsteht Identität in beiden Theorien durch Kommunikation , die den Beteiligten als Handlung zugeschrieben wird . 211
Während Kommunikation nach Luhmann die Operationsform sozialer Systeme ist , kann auch in der Netzwerktheorie das Streben nach Kontrolle als kommunikativ angesehen werden , da die Suche nach Footings als Kommunikationsprozess beschrieben werden kann . 212
Halt und feste Standpunkte bilden sich erst durch den Austausch mit anderen .
Auch soziale Netzwerke entstehen demnach durch Kommunikation . 213
Aufgrund der generellen Vereinbarkeit beider Ansätze werden die Überlegungen Luhmanns und Whites im vierten Teil nicht getrennt voneinander auf Social Media übertragen , sondern vielmehr als austauschbar bzw. einander ergänzend behandelt.
Allerdings werden die Begrifflichkeiten Luhmanns , aufgrund ihrer größeren Schärfe gegenüber den Terminologien Whites , bevorzugt verwendet , obwohl beide Ansätze die Basis der folgenden Überlegungen bilden.
In diesem Kapitel werden der Themenkomplex der Identitätsbildung und Selbstdarstellung sowie die Frage nach der Privatheit im Social Web , mithilfe der ausgeführten Theorie , aus einer funktionalen Perspektive betrachtet .
Die theoretische Grundlage ermöglicht es , auf die Positionen in den Massenmedien und der Literatur , die im zweiten Teil der Arbeit dargestellt wurden , einzugehen .
An dieser Stelle wird auch noch einmal darauf hingewiesen , dass nicht alle Erscheinungsformen von Social Media gleichermaßen betrachtet werden .
Eine Anwendung der Theorie auf sämtliche Formate wäre nicht zielführend , da sich die Argumentation dann in Einzelfällen verlieren würde .
Auch auf Grenzfälle wird daher nur vereinzelt hingewiesen .
Das Anliegen der folgenden Überlegungen ist stattdessen , das Verhalten der Nutzer grundsätzlich im Hinblick auf ihre Identitätsbildung zu beleuchten und die Bedeutung der Privatsphäre in diesem Zusammenhang herauszuarbeiten .
Der Schwerpunkt der Beispiele liegt dabei , wie bereits weiter oben erwähnt , auf den Social Network Sites , da sie zu den populärsten Anwendungen im Social Web zählen.
Bevor die Bereiche Öffentlichkeit und Privatheit sowie Selbstdarstellung und Identitätsbildung ausführlicher behandelt werden , soll es zunächst um die Besonderheiten der Interaktion in Social Media gehen .
Denn die Interaktionsbeziehungen im Social Web bilden den Ausgangspunkt und die Grundlage der nachfolgenden Überlegungen .
Die Interaktion wurde bereits zu Beginn der Arbeit als Differenzierungskriterium gegenüber den Massenmedien herangezogen .
Social Media sind auf persönliche Kommunikation hin ausgerichtet , das heißt sie ermöglichen es den Nutzern , sich wechselseitig aufeinander zu beziehen , und bieten dafür einfache und zeitsparende Möglichkeiten des Feedbacks an – z.B. durch einen einfachen Klick auf den LikeButton bei Facebook sowie durch zahlreiche Kommentar- oder Verlinkungs funktionen .
Auch empirische Ergebnisse zeigen , dass der Austausch und Kontakt mit anderen einer der wichtigsten Gründe für die aktive Teilnahme an Social Media ist . 214
Internetvermittelte Kommunikation zeichnet sich , im Unterschied zu rein mündlich vollzogener , durch einige Eigenheiten aus .
Dies liegt vor allem daran , dass sie schriftlich bzw. visuell fixiert ist und daher keinen flüchtigen Charakter hat .
Ihre Persistenz führt zu einigen Besonderheiten für die Interaktion , die in den nächsten Abschnitten aus systemtheoretischer Perspektive diskutiert werden.
Interaktion kann als Kommunikation unter Anwesenden beschrieben werden , das wurde im dritten Kapitel dieser Arbeit ausgeführt .
Das Kriterium der Anwesenheit ist daher auch für Interaktionssysteme in Social Media von Bedeutung .
Es liegt jedoch auf der Hand , dass es hierbei nicht in erster Linie um physische Anwesenheit geht .
Schließlich zeichnet sich die internetbasierte Kommunikation gerade dadurch aus , dass Anwesenheit oft nur schriftlich bzw. graphisch vermittelt wahrgenommen werden kann .
Die Nutzer müssen sich nicht unbedingt zur selben Zeit an einem Ort einfinden , damit die Interaktion funktioniert .
Die Persistenz der Kommunikation in Social Media sorgt vielmehr dafür , dass für die Nutzer der Eindruck ständiger Anwesenheit entsteht .
Die visuell fixierten Inhalte lassen sich konkreten Nutzern zuordnen , sodass es den Teilnehmern möglich ist , sich gegenseitig wahrzunehmen .
Reflexive Wahrnehmung als Kriterium der Anwesenheit ist daher auch zeitversetzt möglich :
Die beteiligten Nutzer führen durch ihre Posts , Kommentare , Likes etc. wahrnehmbare Handlungen aus und nehmen wahr , dass diese von den anderen Teilnehmern wahrgenommen werden .
Das zeigt sich z.B. an ihren Reaktionen .
Das Ausbleiben von Reaktionen kann dementsprechend auch als kommunikative Mitteilung der Verweigerung gewertet werden .
Die Interaktionsteilnehmer können den Zeitpunkt der Rezeption und Produktion von Inhalten also selbst festlegen – zeitverzögerte Antworten sind ohne Weiteres möglich – und trotzdem kann sofort an die Systemgeschichte angeknüpft werden .
Anwesenheit in Social Media ist daher gerade nicht auf Kopräsenz ausgelegt , sondern zeigt sich darin , dass es bestimmbare Adressaten gibt , an die sich die Interaktionsbeiträge richten .
Internetvermittelte Interaktion in Social Media kann daher als ein Fall von „ Inklusion trotz diskontinuierlicher Präsenz “ 215 angesehen werden .
Die Teilnehmenden sind nicht immer zeitgleich und auch nicht kontinuierlich anwesend , werden aber so behandelt und sind damit in die Interaktion eingeschlossen.
Die Persistenz der Inhalte führt dazu , dass die systemeigene Interaktionsgeschichte jederzeit nachgelesen werden kann .
Neuankömmlingen auf einer Social-MediaPlattform kann so leicht der Hinweis auf den geschichtlichen Kontext gegeben werden , der zum Nachvollziehen bereitsteht .
Sie müssen daher nicht mühsam Informationen aus der Vergangenheit von anderen Nutzern erfragen , sondern können sich diese selbstgesteuert beschaffen .
So kann der Bezug und Anschluss zum Vorhergehenden ohne Weiteres hergestellt werden .
Das macht auch Personenwechsel leichter .
In diesem Sinne fördern Social Media die Integration von Neuankömmlingen .
Sie heben sich dadurch von der mündlichen Kommunikation ab , bei der sich dies wesentlich schwieriger gestaltet , da die Systemgeschichte erfragt werden muss.
Aufgrund der schriftbasierten Kommunikation in Social Media fällt der Raum für nonverbale Mitteilungen weitestgehend weg :
Stimmlage und Körpersprache stehen nicht für das Transportieren von Ironie oder Ähnlichem zur Verfügung .
Dies wird jedoch teilweise durch Emoticons aufgefangen , die das Fehlen der nonverbalen Ebene etwas kompensieren .
Ein angefügter Smiley kann beispielsweise den ironischen Gehalt einer Aussage vermitteln .
Auch so genanntes „ Gruscheln “ , das von der Social-Network-Plattform StudiVZ eingeführt wurde , bzw. ein „ Anstupsen “ auf Facebook fällt in den Bereich der nonverbalen Kommunikation .
Diese Funktionen dienen dazu , Zuneigung auszudrücken oder Aufmerksamkeit zu erregen .
Dennoch bleiben die Möglichkeiten , ohne Sprache zu kommunizieren , bei den meisten Social-Media-Diensten begrenzt.
Diese Tatsache führt außerdem dazu , dass das äußere Erscheinungsbild in der Interaktion nebensächlich wird und eben auch die Mimik bzw. Gestik meist keine Rolle spielt ( außer ggf. bei Social-Media-Angeboten mit einem hohen Grad an Media Richness bzw. Social Presence ) .
Dies kann unter Umständen – gerade für unsichere , pubertierende Jugendliche – auch ein Vorteil im Zusammenhang der Identitätsbildung sein , da andere Aspekte des Selbst relevant werden können.
Interaktionssysteme in Social Media können zahlenmäßig wesentlich größer werden als in der mündlichen Kommunikation .
Mündliche Interaktion kommt relativ schnell an ihre Grenzen , da eine große Teilnehmerzahl dazu führt , dass mehrere von ihnen zu Passivität gezwungen sind .
Im Gegensatz dazu führt in den sozialen Medien auch eine größere Anzahl an Interaktionsteilnehmern nicht zwangsläufig zu einem Ungleichgewicht von kommunikativer Aktivität und Passivität .
Da die Kommunikationsbeiträge gespeichert sind , können sich die Äußerungen über die Zeit verteilen und sind auch nicht auf eine bestimmte zeitliche Rezeptionsspanne festgelegt .
Der Aufmerksamkeitsanspruch der Interaktionsbeiträge verteilt sich daher – verglichen mit der mündlichen Interaktion – stärker über die Zeit .
Die begrenzte synchrone Aufnahmekapazität ist diachron umfangreicher .
Daher kann auch eine Vielzahl an Interaktionsteilnehmern problemlos gehandhabt werden .
Einziges eingrenzendes Kriterium ist in diesem Zusammenhang die Bestimmbarkeit der Adressaten .
Solange diese eindeutig identifizierbar und somit anwesend sind , können die Interaktionssysteme in Social Media entsprechend groß werden .
Es handelt sich dann um keine massenmediale Kommunikation , denn die Massenmedien sind gerade dadurch charakterisiert , „ daß keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfängern stattfinden kann “ [ Hervorhebung im Original ] 216 .
In diesem Zusammenhang lassen sich allerdings auch Grenzfälle ausmachen :
Ein Blog beispielsweise , der im Internet große Popularität erreicht hat , kann bereits zu massenmedialer Kommunikation gezählt werden , da die Adressaten nicht mehr genau bestimmt werden können .
Ein Blog ist allgemein zugänglich , sodass im Falle großer Beliebtheit viele , für den Blogger Unbekannte , darauf zugreifen .
Interaktion mit all den Lesern ist dann nicht mehr möglich .
Dies trifft jedoch , statistisch gesehen , nur auf etwa ein Fünftel der Blogs zu , denn sobald die Nutzer Wahlfreiheit aus einer Vielfalt haben , herrscht Ungleichheit und es kommt zu einer Power-Law-Verteilung ( 80-20-Regel ) . 217
Demnach lässt sich näherungsweise annehmen , dass 20 % aller Blogs 80 % der Leserschaft für sich beanspruchen .
Die Mehrheit der Blogs bleibt daher unpopulär und ermöglicht weiterhin Interaktion.
Der vorangegangene Abschnitt zeigt :
Die Interaktionssysteme in den sozialen Medien können recht groß werden .
Von Grenzfällen einmal abgesehen , bleiben die Adressaten also bestimmbar .
Gerade bei den viel beachteten Social Network Sites können die Kontakte benannt werden , denn sie müssen bewusst ausgewählt werden .
Auch wenn die sozialen Online-Netzwerke eine beachtliche Größe erreichen können , sind sie ihrem Wesen nach dennoch Auswahl , denn sie können nicht ins Unendliche anwachsen .
Persönliche Netzwerke tragen dadurch auch zur Reduktion sozialer Komplexität bei . 218
Der Nutzer legt fest , wen er zu seinem Netzwerk hinzufügt und mit wem er welche Inhalte teilen möchte .
Er verfügt damit gleichzeitig über Möglichkeiten der Kontextbildung .
Social Network Sites bieten dem Nutzer unterschiedliche Funktionen an , die es ihm ermöglichen , gezielt Adressatenkreise zu bestimmen .
Der Kommunikationskontext kann z.B. bei Facebook über verschiedene Listen , Gruppen , persönliche Nachrichten etc. eingeschränkt werden , sodass bestimmte Inhalte nur an bestimmte Adressaten gerichtet sind .
Der Nutzer weiß dann , mit wem er es zu tun hat und wie gegenseitige Erwartungen aussehen .
Außerdem kann das persönliche Profil durch Privatsphäreeinstellungen nur eingeschränkt sichtbar sein .
Über technische Funktionen lässt sich die Sichtbarkeit von Inhalten steuern , sodass der Nutzer diese seinen Bedürfnissen anpassen kann .
Sehr gezielt kann er z.B. auf einer Social Network Site persönliche Nachrichten verschicken und damit nur einzelne andere Nutzer adressieren .
Diese stehen ihm als konkrete Personen vor Augen , ihre Erwartungen kennt er gut und kann dement sprechend auch sehr Persönliches mitteilen .
Die gegenseitigen Erwartungen sind vorhersehbar und können daher das Verhalten bestimmen .
Auch geschlossene Gruppen bieten einen abgegrenzten Rahmen der Interaktion .
Hier kann ein von anderen nicht einsehbarer Austausch stattfinden .
In solch einem beschränkten Bezugsrahmen kann der Nutzer ebenfalls die Reaktionen auf seine Äußerungen abschätzen .
In einer geschlossenen Gruppe „ Familie “ z.B. kennt er die Erwartungen der Familienmitglieder sehr genau und seine Kommunikationsabsicht wird sich daran orientieren .
Der Interaktionskontext kann jedoch auch die gesamte Kontaktliste umfassen .
Diese besteht häufig aus unterschiedlichen sozialen Binnenkontexten ( wie z.B. Familie , Freunden , Bekannten ) , die im Offline-Leben meist in verschiedene Kontexte differenziert sind , mit zum Teil wenigen Berührungspunkten .
So kann es sein , dass es zwischen unterschiedlichen Freundeskreisen außerhalb der Social Media kaum Überschneidungen gibt oder die Familie die Freunde nicht kennt .
Richtet sich der Nutzer jedoch online an seine gesamte Kontaktliste , werden diese Kontexte zusammengezogen und es entsteht für ihn ein globaler Interaktionskontext .
Der Nutzer hat es dann möglicherweise mit divergierenden Erwartungen zu tun , sodass er vermutlich keine sehr persönlichen Inhalte oder sogar intime Details preisgeben wird .
Denn er muss berücksichtigen , dass seine Äußerung von möglichst allen als angemessen und als mehr oder weniger interessant empfunden wird .
Doch auch dieser große , globale Empfängerkreis , der durchaus 200 Freunde oder mehr umfassen kann , ist definiert , wenn auch undifferenziert .
Daher gehört eine Äußerung , die an die gesamte Freundesliste adressiert wird , auch nicht in den Bereich des Öffentlichen .
Die Freundesliste stellt , wie groß sie auch sein mag , keine Öffentlichkeit für den Nutzer dar .
Schließlich hat er die Kontakte alle einmal seiner Liste selbst hinzugefügt und kennt daher die Adressaten , auch wenn er diese möglicherweise nicht immer alle vor Augen hat .
Je konkreter bestimmbar der Empfängerkreis allerdings ist , desto konkreter werden auch die Erwartungen darin und desto mehr Verhaltenssicherheit kann entstehen .
Vom öffentlichen Twitter-Kanal über nutzergenerierte Gruppen und Freundeslisten in Social Network Sites bis hin zu persönlichen Nachrichten , ändert sich der Kontext von relativer Unbestimmbarkeit bis hin zu absoluter Bestimmbarkeit in der Zweierinteraktion und beeinflusst dadurch das Verhalten des Nutzers .
Für alle Interaktionskontexte der Social Media gilt jedoch gleichermaßen , dass sich die Teilnehmer zwangsläufig als Personen wahrnehmen .
Sie rechnen sich gegenseitig Äußerungen als Handlungen zu und reduzieren dadurch ihr Verhaltensrepertoire auf das sozial Erwartbare .
Es ist also nicht möglich und wird nicht akzeptiert , irgendetwas über sich zu schreiben , was als unglaubwürdig und unecht gilt .
Die Nutzer erwarten vielmehr untereinander authentisches Verhalten , das sich wiederum an dem jeweiligen Kommunikationskontext orientiert . 219
Die Mehrzahl der Nutzer stellt sich daher authentisch dar – nicht zuletzt , weil z.B. viele der Facebook-Freunde gleichzeitig Offline-Beziehungen sind . 220
Da sich die Nutzer als Personen wahrnehmen , wird authentisches Verhalten eingefordert.
Die Nutzer wählen also für ihr kommunikatives Vorhaben einen Empfängerkreis aus , dessen Erwartungen ihr Verhalten steuert .
Neben der tatsächlichen Einschränkung über Listen , Gruppen oder persönliche Nachrichten , die besonders auf Social Network Sites relevant sind , spielt bei der Empfängerdifferenzierung außerdem die mentale Ebene eine wichtige Rolle .
Denn die Nutzer haben meist eine klare Vorstellung davon , wen sie adressieren wollen :
Sie wenden sich an eine so genannte „ Imagined Audience “ 221 .
Diese beinhaltet , laut einer Erhebung unter TwitterNutzern , tatsächliche Rezipienten ( wie Freunde , Bekannte etc. ) , kann aber auch abstrahiert werden und z.B. idealisierte Empfänger einschließen , die oft ein Spiegelbild des eigenen Selbst darstellen . 222
Letzteres gilt vor allem bei großen , undifferenzierten Kommunikationskontexten , bei denen der Nutzer nicht alle Adressierten konkret vor Augen hat .
Entscheidend ist , dass die Imagined Audience dem Nutzer Anhaltspunkte darüber gibt , wie er sich angemessen darstellen und was er äußern kann .
Da er die Erwartungen der vorgestellten Empfängergruppe kennt , kann er seinen Beitrag entsprechend anpassen .
Was geschrieben oder gepostet wird , hängt somit davon ab , was dort akzeptiert ist und als interessant oder relevant empfunden wird .
Der Empfängerkreis entscheidet über den mitgeteilten Inhalt . 223
Bei kleineren Kontexten , wie z.B. einer eingegrenzten Kontaktliste ( als Unterliste ) auf Facebook , entspricht die Imagined Audience meist dem tatsächlichen Empfängerkreis , sodass der Nutzer seine Äußerungen kontextadäquat vermitteln kann.
Spricht er allerdings aufgrund von Medienkompetenzproblemen ein größeres Publikum an , als intendiert , indem er z.B. keine entsprechenden Einschränkungen vornimmt , kann es zu Spannungen kommen .
Der Nutzer verliert dann die Kontrolle über den Kontext , sodass sein Verhalten von den Empfängern unter Umständen als unangemessenem bewertet wird .
Er gibt dann möglicherweise persönliche Informationen von sich preis , die eigentlich nur für ausgewählte Adressaten bestimmt waren ( Problem des „ over-sharing “ 224 ) .
Im Gegensatz dazu kann jedoch auch die generelle Angst bestehen , überhaupt irgendetwas mitzuteilen ( „ fear of sharing “ 225 ) .
In diesem Fall hat der Nutzer das Gefühl , die Empfänger von vorneherein nicht bestimmen zu können und hält daher generell Inhalte ( nicht nur sehr private ) stark zurück .
Beide Extreme haben ihren Ursprung darin , dass die Kommunikationskontexte nicht angemessen gebildet werden können .
Verschiedene Adressatenkreise fallen für den Nutzer zusammen .
Das hat zur Folge , dass er den Inhalt seiner Äußerungen nicht adressatengerecht anpassen kann .
Um einen solchen „ Context Collapse “ 226 zu verhindern , muss folglich ein gewisser Grad an Medienkompetenz vorhanden sein .
Dies ist aber nicht als eine besondere Herausforderung anzusehen – empirisch zeigt sich vielmehr , dass Social-Media-Nutzer die Ko-Präsenz verschiedener sozialer Gruppen allgemein als kein großes Problem betrachten .
Sie differenzieren , wem sie welche Inhalte mitteilen .
Dabei nutzen sie verschiedene Strategien , um die KoPräsenz verschiedener Kontexte erfolgreich zu bewältigen :
Sie teilen die Plattform in separate Räume ein ( z.B. durch geschlossene Gruppen ) , sie wählen je nach Situation geeignete Kommunikationskanäle aus ( z.B. persönliche Nachrichten für private Informationen ) und sie zensieren möglicherweise problematischen Inhalt . 227
Allein die Tatsache , dass in Social Media verschiedene Binnenkontexte zu einem globalen zusammenkommen , führt also noch nicht zu einem Context Collapse .
Ob die Kontexte für den Nutzer kollabieren und es damit zu Problemen der Verhaltensanpassung kommt , liegt an der Medienkompetenz des Nutzers.
Auch medienkompetente Nutzer sehen sich allerdings der Tatsache gegenüber , dass Inhalte Rezipienten finden können , die nicht gemeint waren .
Denn angesichts der Eigenschaften netzbasierter Kommunikation , wie beispielsweise Persistenz oder Skalierbarkeit , besteht keine absolute Sicherheit darüber , dass Äußerungen in jedem Fall nur den ausgewählten Empfängerkreis erreichen .
Dieser kann sich ungewollt ausdehnen .
Durch die technischen Möglichkeiten des Internet entsteht eine potenzielle Öffentlichkeit , die dazu führt , dass sich die Reichweite von Äußerungen einfacher als im Offline-Leben vergrößern kann .
Einer der Gründe für die potenzielle Öffentlichkeit in Social Media ist die Vernetzung der Teilnehmer .
Marwick/boyd ( 2011 ) sprechen z.B. in ihrem Artikel davon , dass es neben den tatsächlichen auch potenzielle Rezipienten gäbe , die untereinander verbunden seien .
Sie bildeten dadurch ein aktives , kommunikatives Netzwerk . 228
Über Freundesfreunde kann sich der Empfängerkreis daher unbeabsichtigt vergrößern :
Freunde des Nutzers können ihren Freunden oder Bekannten Äußerungen , Posts etc. des Nutzers aufgrund der technischen Möglichkeiten relativ leicht zugänglich machen ( auch wenn dieser Freundesfreunde eigentlich aus dem Empfängerkreis ausgeschlossen hat ) .
Dritte können so Zugriff auf Inhalte bekommen , die nicht an sie adressiert waren .
 Die potenzielle Öffentlichkeit berücksichtigt darüber hinaus noch einen weiteren Aspekt :
Sie bezieht sich auch auf Rezipienten , die sich durch kriminelle Akte , wie z.B. Hack-Angriffe , oder durch technische Störfälle prinzipiell Zugang zu Inhalten verschaffen könnten .
Das heißt , auch wenn ein Nutzer Empfängerkreise stark beschränkt , um ungewollte Publika auszuschließen , besteht dennoch die prinzipielle Möglichkeit , dass andere diese Einschränkungen umgehen und sich Zugang verschaffen . 229
Die potenzielle Öffentlichkeit ist daher ein Phänomen , das die Kommunikation im Internet insgesamt betrifft .
Sie macht deutlich , dass eingestellte Inhalte potenziell immer öffentlich werden können .
Die potenzielle Öffentlichkeit expliziert jedoch keine Tatsache oder beschreibt eine Wahrscheinlichkeit , sondern berücksichtigt lediglich Konsequenzen , die sich prinzipiell aus den strukturellen Möglichkeiten des Internet ergeben .
Dennoch führt sie zweifellos zu Herausforderungen in Bezug auf den Schutz der Privatsphäre in Social Media , aber auch generell im Internet .
Da Inhalte – im Unterschied zu gesprochener Sprache – leicht immer wieder abgerufen und weiter verwendet werden können , werden die Kontrollmöglichkeiten des Nutzers erschwert .
Er kann letztendlich nicht darüber verfügen , wofür und von wem eingestellte Inhalte möglicherweise genutzt werden .
Die Möglichkeiten der Datenbeschaffung nehmen im Internet neue Dimensionen an , sodass die Datensicherheit und tatsächliche Kontrolle über private Daten auf eine massivere Art in Frage gestellt wird .
Trotzdem ist grundsätzlich zu bedenken , dass die Privatsphäre letztlich immer angreifbar ist , nicht nur online .
Auch private Informationen , die einem Gesprächspartner z.B. in der eigenen Wohnung anvertraut werden , können missbraucht und an Dritte weitergegeben werden.
Die potenzielle Öffentlichkeit scheint von manchen Journalisten und Wissenschaftlern zum Anlass genommen zu werden , die Privatsphäre in den sozialen Medien als abgeschafft zu betrachten .
Die im zweiten Teil der Arbeit dargestellten Positionen aus Massenmedien und Literatur zum Thema Privatheit legen eine solche Vermutung jedenfalls nahe .
Die technischen Möglichkeiten , die das Internet allgemein bietet , werden als Ausschlusskriterien für die Privatsphäre interpretiert .
Es ist daher z.B. von einer „ Entprivatisierung “ 230 oder der „ Veröffentlichung des Privaten “ 231 die Rede und schließlich sogar von einer Post-Privacy-Gesellschaft .
Die Privatsphäre wird zu einem vermeintlich überholten Konzept .
Diese Ansicht lässt sich jedoch sowohl theoretisch als auch empirisch aus mehreren Gründen nicht halten .
Zunächst entsteht Öffentlichkeit nur dann , wenn sie sich von einer NichtÖffentlichkeit abgrenzen kann .
Aus systemtheoretischer Perspektive ist Öffentlichkeit die Folge einer Grenzziehung , also einer Differenz .
Und nur auf der Außenseite dieser Grenze ist Öffentlichkeit .
Gäbe es jedoch keine Privatheit mehr , wäre auch der öffentliche Raum hinfällig .
Die Antonyme öffentlich und privat könnten gar nicht mehr angemessen verwendet werden .
In der Diskussion um eine Post-Privacy scheint es jedoch so , als könnte die vermeintlich verloren gegangene Privatsphäre durch Öffentlichkeit ersetzt werden .
Dies ist aus systemtheoretischer Sicht jedoch nicht möglich .
In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um Privatheit und Öffentlichkeit im Social Web wird außerdem oft davon gesprochen , dass die Grenzen zwischen beiden Polen verschwimmen würden . 232
Privates und Öffentliches seien im Fluss und schwer voneinander zu trennen . 233
Systemtheoretisch betrachtet lässt sich diese Behauptung jedoch nicht halten , denn entweder lassen sich Personen als Adressaten bestimmen oder nicht .
Entweder hat der Nutzer Kontrolle darüber , wem er Zugang zu persönlichen Informationen gewähren will oder nicht .
Die beschriebenen technischen Möglichkeiten des Internet , die zu potenziellen Risiken der Privatsphäre führen können , beeinflussen diese grundsätzliche Unterscheidung nicht , auch wenn die Privatheit im Internet vor neuen Herausforderungen steht .
Öffentlichkeit und Privatheit bleiben als konzeptuelle Gegensätze bestehen .
Der eine Pol dieses Gegensatzpaares , die Öffentlichkeit , bezeichnet in erster Linie Unbestimmbarkeit :
Jemand weiß sich beobachtet , kann jedoch keine Adressaten bestimmen .
Es können keine konkreten Personen identifiziert werden , sodass sich keine gegenseitigen Erwartungen ausbilden können .
Diese entstehen erst gegenüber einer definierten Anzahl von bestimmbaren Interaktionsteilnehmern und schaffen dann den notwendigen Rahmen für angemessenes Verhalten .
Individuen brauchen definierte Kontexte , um sinnvoll handeln zu können .
Ansätze völliger Transparenz nach dem Motto ‚ Ich habe ja nichts zu verbergen ‘ , stehen dieser verhaltensnotwendigen Funktion von abgesteckten Kontexten entgegen . 234
Würde es sich in den sozialen Medien also gänzlich um Öffentlichkeit handeln , wäre aus dieser Perspektive nicht mit Interaktion , Selbstdarstellung und dadurch auch nicht mit Räumen der Identitätsbildung zu rechnen .
Das Social Web ist jedoch gerade dadurch charakterisiert , dass es Interaktionsbeziehungen ermöglicht bzw. einfordert .
Es gibt daher konkrete Adressaten , an die sich der einzelne Nutzer wenden kann :
Legt er sich z.B. ein Profil auf einer Social Network Site an , ist eine der ersten Maßnahmen das Erstellen von Kontaktlisten .
Er fügt dann aktiv andere Nutzer seiner Kontaktliste hinzu und kann diese selbst kategorisieren .
Damit ist ein erster Schritt hin zur Bestimmbarkeit des Kommunikationskontextes gemacht , der durch zusätzliche Einstellungen weiter eingegrenzt werden kann .
Deshalb ist auch die in den Massenmedien beispielhaft geäußerte Sorge , dass der zukünftige Arbeitgeber private Inhalte des Bewerbers über Social-Network-Dienste einsehen könnte , zunächst unbegründet , denn dieser gehört ja nicht zur Kontaktliste des Bewerbers .
Der potenzielle Arbeitgeber könnte lediglich über komplizierte und eher unwahrscheinliche Umwege an das Profil des Bewerbers gelangen ( z.B. durch einen Bekannten des Personalchefs , der einen Freund hat , in dessen Freundesliste sich der Bewerber befindet und der sein Profil dann dem Personaler zeigt o.ä. ) .
Und auch wenn der eigene Chef zur Freundesliste gehören würde , könnte er gezielt von der Sichtbarkeit bestimmter Inhalte ausgeschlossen werden .
Facebook beispielsweise bietet dafür mittlerweile eine Reihe von Funktionen an .
Die Nutzer können also steuern , wem sie was mitteilen wollen .
Es lässt sich daher nicht sagen , dass eine Entprivatisierung eingesetzt habe oder das Private durch die sozialen Medien generell öffentlich gemacht werde .
Vielmehr gibt es gerade auf den viel beachteten Social Network Sites Funktionen , die eine Eingrenzung der Interaktionskontexte erlauben und damit die Kontrolle über den Adressatenkreis ermöglichen .
Anders ausgedrückt :
Es gibt Einstellungen , mit denen Privatheit geschaffen werden kann .
Die Social Network Site Google+ z.B. ist so konzipiert , dass Informationen selektiv geteilt und konsumiert werden können .
Der Nutzer kann dafür individuelle Kreise ( Circles ) einrichten , um seine verschiedenen Kontakte zu organisieren und gezielt auszuwählen , wem er welche Informationen mitteilen möchte .
Die Kreise können nicht nur nach Beziehungsgrad der Kontakte gruppiert werden , sondern auch durch ein bestimmtes Thema organisiert werden , das dann einen Rahmen für die Kommunikation vorgibt ( z.B. Kochen , Motorräder etc.) .235 Google+ ermöglicht also sehr spezifische Einstellungen , die den Adressatenkreis individuell bestimmbar machen .
Auch Facebook bietet dem Nutzer die Funktion an , selektive Unterlisten aus seiner Kontaktliste zu erstellen .
Laut einer empirischen Erhebung des Branchenverbands BITCOM ( Oktober 2013 ) zur Nutzung sozialer Online-Netzwerke in Deutschland hat sich allerdings gezeigt , dass nur 28 % der Social-Network-Nutzer „ Listen oder Circles zur Eingrenzung der Sichtbarkeit von Posts “ 236 verwenden .
Hier ist jedoch zu beachten , dass es bei der zugehörigen Frage im Rahmen der Studie nicht um die Nutzung von Kommunikationskanälen im Sinne der Kontextbegrenzung ging , sondern generell um die Abfrage genutzter Funktionen ( wie z.B. auch das Nutzen von Social Games oder Apps ) .
Möglicherweise liegt darin ein Grund für den relativ geringen Prozentsatz .
Allerdings zeichnet sich empirisch auch ab , dass die Nutzer offenbar andere Wege bevorzugen , um für sich abgrenzbare Kontexte zu bilden , z.B. über private Nachrichten , die Chat-Kommunikation oder geschlossene Gruppen . 237
Eingrenzende Faktoren sind für die Nutzer also wichtig .
Die bereits zitierte BITCOMStudie bestätigt :
91 % der Nutzer sozialer Online-Netzwerke ist es eher wichtig bis sehr wichtig , die Sichtbarkeit ihrer Daten für bestimmte Personengruppen definieren zu können .
87 % der Nutzer legen z.B. Wert darauf , ihre Pinnwand nur für bestimmte Personen verfügbar zu machen; eine deutliche Mehrheit äußerte außerdem , dass es ihnen wichtig sei , ihr Profil als nicht auffindbar einstellen zu können ( 83 % ) . 238
Den Nutzern geht es jedoch nicht nur darum , wer bestimmte Inhalte sehen darf .
Sie haben differenziertere Kriterien , nach denen sie die Empfänger auswählen .
Neben den Sorgen um die Privatsphäre geht es auch um die Relevanz des Inhalts ( ist er interessant ?) und um soziale Normen . 239
Der Aspekt der inhaltlichen Relevanz führt zu einem weiteren Argument gegen eine aktiv beobachtende Öffentlichkeit in Social Media .
Denn selbst bei einem als ‚ öffentlich ‘ eingestellten Twitter-Kanal oder Facebook-Profil ist gar nicht damit zu rechnen , dass geteilte Inhalte ein allgemeines Interesse erregen .
Die meisten solcher Inhalte finden verhältnismäßig wenige Rezipienten und sind für die Massen unattraktiv .
Die Selbstdarstellung durchschnittlicher Nutzer besitzt für die Öffentlichkeit nicht genug Relevanz , als dass eine breite Aufmerksamkeit erregt werden könnte .
Es herrscht eine Ungleichheit entsprechend dem Power Law ( 80 - 20 Regel ) :
Statistisch gesehen sind die meisten Knoten in einem Netzwerk nur mit vergleichsweise wenigen anderen Knoten verbunden , während einige wenige privilegierte Knoten , die so genannten Hubs , sehr stark vernetzt sind . 240
Bezogen auf Social Media bedeutet dies , dass es sehr unwahrscheinlich ist , dass ein durchschnittliches Profil , das allgemein zugänglich ist , ein großes Publikum außerhalb der Kontaktliste erreicht .
Dies trifft nur auf einige wenige Profile zu .
Auch vor diesem Hintergrund kann deshalb nicht davon gesprochen werden , dass sich viele Nutzer einer breiten Öffentlichkeit zur Schau stellen würden .
Darüber hinaus ist aus soziologischer Perspektive zu bedenken , dass die Nutzer umso weniger persönliche oder gar intime Details von sich mitteilen werden , je undifferenzierter der Kontext ist .
Schließlich müssen sie dann unterschiedliche Erwartungen für sich vereinbaren und sich möglichst für alle Rezipienten angemessen verhalten .
Dementsprechend gaben Nutzer , die ihre Profile öffentlich zugänglich machten , in einer qualitativen Erhebung an , dass sie nichts kommunizierten , was sie als heikel oder sehr privat verstehen würden . 241
Die meisten Nutzer stellen Inhalte jedoch nicht öffentlich , sondern nur bestimmten Freunden zur Verfügung . 242
Verschiedene Studien haben in diesem Zusammenhang gezeigt , dass das Bedürfnis nach Privatheit vorhanden ist .
Die Nutzer sind besorgt um ihre Privatsphäre und neigen dazu , ihre Profile stärker zu schützen , das heißt entsprechende Privatsphäreeinstellungen vorzunehmen . 243
Die bereits angeführte BITCOM-Erhebung ergab , dass sich 82 % aller Befragten mit den PrivatsphäreEinstellungen ihres Accounts beschäftigen – bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 14 und 29 Jahren liegt dieser Wert sogar bei 90 % – und insgesamt großen Wert auf die Verwaltung ihrer persönlichen Daten legen 244 .
Die Studie resümiert daher als Trend , dass die Nutzer „ sehr bewusst mit ihrer Privatsphäre um [ gehen ] “ 245 .
Entgegen mancher Vermutungen , befassen sich gerade auch die jüngeren Nutzer mit der Privatheitsthematik , Informationskontrolle und Privatsphäre sind ihnen wichtig . 246
Hier schließt sich die zentrale Frage an , die dem Privacy Paradox zu Grunde liegt :
Wie kommt es , dass die Nutzer ihrer Privatsphäre in Social Media so viel Beachtung schenken und dennoch viel von sich preisgeben ?
Dies bleibt für die Vertreter des Privacy Paradox ein ungelöstes Problem .
Die Frage lässt sich jedoch beantworten , wenn man sie aus einer funktionalen Perspektive betrachtet .
Sowohl die Sorgen der Nutzer um ihre Privatsphäre als auch ihr Selbstoffenbarungsverhalten im Social Web lassen sich dann in einen kausalen Zusammenhang stellen .
Um diesen herzustellen , ist zunächst eine grundsätzliche Überlegung von Bedeutung :
Selbstoffenbarung und die Preisgabe persönlicher Informationen sind notwendige Erfordernisse , damit Kommunikation überhaupt gelingen kann . 247 Nur so ergeben sich Anknüpfungspunkte und Möglichkeiten des Gesprächs .
Nur so können Beziehungen aufgebaut bzw. aufrechterhalten werden .
Selbstoffenbarung ist die Basis für das Entstehen einer Beziehung und für deren Pflege . 248
So haben Lampe et al. ( 2007 ) in ihrer Studie einen Zusammenhang zwischen der Informationspreisgabe und der Größe des Netzwerks ausgemacht :
Stellt ein Nutzer auf seinem Profil Inhalte bereit , wirkt sich das positiv auf die Anzahl seiner Freunde aus . 249
Dies ist keine überraschende Erkenntnis , sondern entspricht dem Alltagsverständnis .
Je mehr sich ein Interaktionspartner öffnet und von sich erzählt , desto schneller kann Sympathie entstehen und desto eher kann sich Vertrauen bilden , Beziehungen können sich entwickeln .
Als Interaktionsplattformen erfordern die sozialen Medien daher Selbstdarstellung und die Bereitschaft , etwas von sich preisgeben .
Ein hohes Maß an Selbstdarstellung lässt daher zunächst lediglich auf ein aktives Community-Mitglied schließen , dass in regem Kontakt mit anderen steht .
Daraus lässt sich jedoch kein unmittelbarer Widerspruch zu den Sorgen um die Privatsphäre ableiten .
Im Zusammenhang der Diskussion um das Privacy Paradox gilt das Maß an Selbstdarstellung jedoch als Indiz dafür , dass die Sorgen kaum Konsequenzen zeitigen .
Die Privatheitsthematik in Social Media lässt sich aber nicht darauf reduzieren , wie viel die Nutzer von sich preisgeben .
Vielmehr umfasst sie verschiedene Aspekte , wie z.B. das Nutzen von Privatsphäre-Einstellungen und das Verwalten der Kontaktliste; der Nutzer entscheidet , mit wem er sich befreunden will und wen er als Adressaten auswählt .
Mehrere Verhaltenskomponenten sind daher relevant , wenn es um die Privatsphäre geht . 250
Der Nutzer kann also durchaus viel von sich preisgeben , sich aber dennoch um seine Privatsphäre sorgen und diese durch entsprechende Einstellungen schützen .
Er kann Inhalte beispielsweise nur für bestimmte Kontakte freigeben .
So hat auch eine Studie unter studentischen Nutzern gezeigt , dass diese die Sichtbarkeit ihres Profils anpassen , um ungewollte Rezipienten auszuschließen , nicht aber , dass sie die preisgegebenen Informationen auf ihrem Profil beschränken . 251
In dieser Hinsicht entfalten die Sorgen der Nutzer um ihre Privatsphäre gerade im Zusammenspiel mit der eigenen Selbstdarstellung ihre Bedeutung .
Die Einstellung der Nutzer zeigt an , dass sie reflektiert mit ihren Daten umzugehen wissen .
Sie teilen viel von sich mit , tun dies aber im Rahmen abgegrenzter Kontexte , in denen sie konkrete Adressaten identifizieren können.
Die vorangegangenen Ausführungen haben gezeigt , dass die Nutzer nicht wahllos Daten von sich preisgeben , ohne zu beachten , für wen diese einsehbar sind .
Schlagworte wie „ Selbstentäußerung “ 252 oder „ Daten-Striptease “ 253 , die auf das Verhalten der Nutzer insgesamt bezogen werden , sind daher normative Verallgemeinerungen , die theoretischen und empirischen Erkenntnissen widersprechen .
Im Gegensatz zur Selbstentäußerung ist die Selbstäußerung jedoch zentraler Bestandteil der Interaktionsbeziehungen im Social Web und damit auch Voraussetzung für die Identitätsbildung .
Der Nutzer muss etwas von sich mitteilen , um sich im sozialen Netzwerk seiner Freunde positionieren zu können .
Die verschiedenen Interaktionskontexte determinieren dabei sein Verhalten :
Je nachdem , an wen er sich wendet , wird er unterschiedliche Inhalte teilen und sich selbst unterschiedlich präsentieren .
Die verschiedenen Interaktionspartner formen durch ihre Kommentare , Posts etc. je nach Kontext das Selbst des Nutzers und seine Darstellung entscheidend mit .
Dabei können allerdings auch verschiedene Erwartungen eine Rolle spielen , denn je nach Kommunikationskontext werden möglicherweise andere Aspekte einer Person wichtig und relevant .
In der Interaktion mit Familienangehörigen z.B. bestehen andere Erwartungen an das Verhalten als in einer Interaktion mit Studienkollegen .
Bei dem Wechsel zwischen den verschiedenen Kontexten innerhalb von Social Media kann es deshalb zu Widersprüchen kommen . 254
Es ist daher die Aufgabe des Nutzers , die unterschiedlichen Erwartungen angemessen zu bewältigen , sodass seine selektiven Selbstdarstellungen nicht in Konflikt geraten .
Das ist nötig , um handlungsfähig zu sein – in den Social Media und generell in einer differenzierten Gesellschaft .
Auch in der Offline-Welt kommen je nach Kontext und Situation notwendigerweise selektive Selbstdarstellungen zum Zuge .
Es werden unterschiedliche Bereiche des Selbst präsentiert , die vereinbar gemacht werden müssen . 255
Die Beziehungen in Social Media sind also entscheidend , wenn es um die Identitätsbildung geht .
Sie beeinflussen wechselseitig Verhalten , Sichtweise und Reaktionen .
In einer Studie zum Verhalten von neuen Mitgliedern auf Facebook hat sich dementsprechend gezeigt , dass sich diese an ihren Freunden orientieren :
Je mehr Inhalte die Freunde liefern , desto mehr tun die Neuen das auch .
Ihr Selbstoffenbarungsverhalten richtet sich nach dem ihrer Freunde; sie versuchen , die Erwartungen der anderen zu erfüllen und sich dem anzupassen , was üblich ist .
Über Feedback erfahren sie , was erwartet wird und wie sie sich weiter angemessen verhalten können .
Positives Feedback ist in diesem Zusammenhang ein Motivationsfaktor , bisheriges Verhalten fortzusetzen bzw. mehr Inhalte zu teilen .
Der Aspekt des sozialen Lernens ( Social Learning ) spielt demzufolge eine wichtige Rolle bei der Selbstpräsentation der Nutzer . 256
Feedback entscheidet demnach zu einem großen Teil über zukünftiges Verhalten .
So wird im Prozess der persönlichen Kommunikation fortlaufend zurückgemeldet , wie das eigene Selbst wahrgenommen wird und ankommt bzw. welche Erwartungen sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben .
Daran kann sich die Selbstdarstellung orientieren .
Erscheint der Nutzer durch seine Selbstpräsentation als Person vertrauenswürdig , können sich reflexive Erwartungsstrukturen zu persönlichem Vertrauen ausweiten .
Dadurch erweitert sich das Handlungspotenzial auf beiden Seiten der Interaktionsbeziehung .
Die Besonderheit der sozialen Medien besteht nun darin , dass sie vielfältige und einfache Möglichkeiten der Rückmeldung bieten , die immer wieder abgerufen werden können .
Der Like-Button ist sicher eines der populärsten Beispiele dafür .
Sie sorgen für immer neue Kommunikationsanlässe ( beispielsweise durch den Newsfeed bei Facebook ) und erhöhen damit auch das Feedback-Potenzial in Bezug auf die eigene Selbstdarstellung .
So bilden sie einen geeigneten Raum , in dem Identität sich äußern und entfalten kann .
Da der Nutzer meist über eine große Zahl an Kontakten verfügt , gibt es viele andere Teilnehmer , die sein Verhalten spiegeln können .
Je mehr der Nutzer sich öffnet und etwas von sich preisgibt , desto mehr Möglichkeiten der Rückmeldung durch andere Teilnehmer ergeben sich wiederum . 257
Identitätsbildung ist in diesem Sinne ein kontinuierlicher und wechselseitiger Prozess , der nie abgeschlossen ist . 258
Stattdessen erweitert sich das Selbst durch die Beziehungen ständig .
In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen , dass Social Media neue Kontexte schaffen können , in denen bestimmte Aspekte bzw. Vorlieben des Nutzers zum Zuge kommen , die im Offline-Leben evtl. verborgen bleiben würden , z.B. durch die Mitgliedschaft in bestimmten Gruppen , die ein bestimmtes Thema für die Interaktion vorgeben .
Sie erweitern dadurch das Spektrum der identitätsstiftenden Beziehungen und können ungekannte Vorlieben des Nutzers zum Vorschein bringen . 259
Anders herum können , wie bereits weiter oben erwähnt , äußere Merkmale des Nutzers , wie Aussehen oder Mimik und Gestik , irrelevant werden und dadurch andere Aspekte der Identität in den Vordergrund rücken.
Insgesamt lässt sich feststellen , dass Social Media für eine ausgeprägte Sichtbarkeit verschiedener Identitäten sorgen .
Dem Nutzer stehen verschiedene sprach- und bildbasierte Kommunikationsformen zur Verfügung , die eine vielfältige Selbstdarstellung ermöglichen und diese vereinfachen .
Die Plattformen der sozialen Medien werden damit zum Schauplatz der Identitätsbildung :
Sie bieten einen Rahmen , in dem das Selbst stark visualisiert hervortritt und erfahrbar wird .
Durch die Persistenz der Kommunikation kann der Nutzer die verschiedenen Interaktionsgeschichten außerdem immer wieder abrufen und für sich selbst reflektieren .
Er kann sie im Nachhinein nachvollziehen und seine unterschiedlichen Identitäten betrachten , die darin sichtbar werden . 260
Der Persistenzcharakter der sozialen Medien ist daher gerade für die Identitätsbildung von Bedeutung und macht sie in dieser Hinsicht , im Unterschied zur flüchtigen mündlichen Kommunikation , zu etwas Besonderem .
