Social Media sind aus dem alltäglichen Leben kaum noch wegzudenken .
Vor allem die sozialen Online-Netzwerke erfreuen sich großer Beliebtheit :
Circa zwei Drittel aller Internetnutzer 1 waren im Jahr 2013 auf entsprechenden Seiten angemeldet und dort aktiv ; unter den 14- bis 29-Jährigen liegt dieser Wert noch deutlich höher ( im Durchschnitt waren über 91 % angemeldet und etwa 89 % aktiv ) . 2
Das populärste Netzwerk unter ihnen , Facebook , verzeichnet , eigenen Angaben zufolge , weltweit über 1,28 Milliarden aktive Nutzer im Monat, Tendenz steigend . 3
In Deutschland haben gut 27 Millionen Bürger aktuell ein Facebook-Profil . 4
Diese Zahlen zeigen nicht nur die Beliebtheit von Facebook und Co. , sondern deuten auch an, welchen Einfluss Social-Media-Angebote auf verschiedene Bereiche des Lebens ausüben können .
Von der Unternehmenskommunikation, über die Organisation von ( politischem ) Widerstand bis hin zur Strukturierung des Kommunikationsverhaltens , ziehen sie gegenwärtig weite Kreise .
Im Sprachgebrauch hinterlassen sie ihre Spuren z.B. durch Wortneuschöpfungen , die sich mit der fortlaufenden Medienentwicklung semantisch noch erweitern können .
Ein Beispiel dafür ist das Substantiv Selfie , das in Großbritannien zum Wort des Jahres 2013 gekürt wurde .
Es steht für ein Foto-Selbstportrait , das mit dem Smartphone oder der Webcam aufgenommen und über die Kanäle der Social Media verbreitet wird . 5
Selfie weist als Wort des Jahres auf einen sprachlichen Trend hin , der gleichzeitig ein bestimmtes Nutzerbedürfnis verdeutlicht :
Die Präsentation des eigenen Selbst .
So gilt die Selbstdarstellung auch als einer der Hauptgründe für die Beliebtheit sozialer Netzwerkseiten . 6
Der Begriff der Selbstdarstellung ist allerdings im Alltagsgebrauch oftmals negativ konnotiert .
Er wird bisweilen mit einem übertriebenem Aufmerksamkeitsstreben oder einer egozentrierten Zurschaustellung verbunden .
Auch die massenmediale und wissenschaftliche Diskussion über die Selbstdarstellung der Social-Media-Nutzer ist davon betroffen und wird häufig normativ geführt .
Kritisch beurteilt wird das Nutzerverhalten vor allem in Bezug auf die Privatheitsthematik .
Massenmedien und Literatur sehen die Privatsphäre in Gefahr und äußern daher zum Teil massive Kritik an der Selbstpräsentation der Nutzer .
Ziel der folgenden Ausführungen ist es, eine Alternative zur normativ geführten Diskussion um Selbstdarstellung und Privatheit im Social Web aufzuzeigen und das Verhalten der Nutzer in Bezug auf deren Identitätsbildung zu beleuchten .
Die zentrale Fragestellung , die diese Arbeit leiten wird, lautet daher :
Inwiefern hat die Selbstdarstellung der Nutzer in den Interaktionsbeziehungen der Social Media eine identitätsstiftende Funktion und welche Bedeutung hat das Konzept der Privatheit in diesem Zusammenhang ?
Für die Bearbeitung dieser Leitfrage werden zwei theoretische Strömungen herangezogen , die einen funktionalen Zugang zum vorgestellten Themenkomplex ermöglichen :
Die soziologische Systemtheorie um Niklas Luhmann und die moderne Netzwerksoziologie nach Harrison C. White .
Das Konzept der Identität wird in dieser Arbeit bewusst nicht ideengeschichtlich angegangen oder mithilfe anderer theoretischer Ansätze beschrieben .
Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf dem Prozess der Identitätsbildung , wie er sich mit den Ansätzen Whites und Luhmanns beschreiben lässt .
Die dargestellte Herangehensweise scheint in der Literatur bisher kaum verfolgt worden zu sein .
Zu den Themenbereichen der Identitätsbildung und Selbstdarstellung sowie der Privatheit und Öffentlichkeit im Social Web gibt es zwar zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen , allerdings sind kaum Ansätze zu finden , die Social Media aus einer systemtheoretischen Perspektive aufarbeiten bzw. Whites Ansatz darauf anwenden .
Selten wird das Verhalten der Nutzer hauptsächlich im Hinblick auf dessen Funktion betrachtet .
Diese Arbeit behandelt daher ein wenig erforschtes Gebiet .
Sie leistet dabei bewusst keinen Beitrag zur normativen Debatte um Selbstdarstellung und Privatheit , sondern legt den Fokus alternativ auf die Identitätsbildung der Nutzer .
Die Arbeit gliedert sich in fünf Teile :
Nach einem einleitenden Kapitel geht es im zweiten Teil um Formen und Eigenschaften von Social Media sowie um eine Annäherung an das Konzept der Privatheit .
Zentraler Bestandteil ist die Darstellung der Positionen aus Massenmedien und Literatur zum Selbstpräsentationsverhalten der Nutzer und zur Privatsphäre im Social Web .
Im dritten Kapitel stehen die Ansätze der Luhmann‘schen Systemtheorie und der modernen Netzwerksoziologie nach White im Mittelpunkt .
Hier werden Begriffe und Überlegungen aufgearbeitet, die für den Themenkomplex der Arbeit relevant erscheinen .
Beide theoretischen Ansätze werden zueinander in Beziehung gesetzt .
Der vierte Teil befasst sich mit der Anwendung der Theorie auf Social Media und beleuchtet verschiedene Aspekte der Privatheitsthematik im Zusammenhang mit der Identitätsbildung anhand des theoretischen Begriffsapparates .
Eigene Erhebungen können im Rahmen dieser Arbeit nicht durchgeführt werden .
Die Ausführungen , insbesondere die des vierten Teils, werden jedoch durch verschiedene Studien empirisch untermauert .
Das fünfte Kapitel bündelt die Erkenntnisse in einem Fazit und gibt einen Ausblick .
