„ Don’t hate the media , become the media ” – dies ist der Slogan der alternativen OnlinePlattform Indymedia .
‚ Alternativ ‘ meint hier :
eine Alternative zu den Massenmedien .
Auf dieses Verhältnis spielt der Slogan an :
Anstatt die Massenmedien zu hassen ( wofür es zahlreiche Gründe gibt , wie sich im Verlauf dieser Arbeit zeigen wird ) , solle man selbst „ zu den Medien werden “ .
Das Internet , so der Gedanke , macht es möglich , unabhängig von den Massenmedien Informationen zu verbreiten .
Zudem sei man dort nicht nur Konsument , sondern auch Produzent von Medieninhalten .
Um diese Entwicklung soll es im zweiten Teil dieser Arbeit gehen , der sich mit dem Verhältnis von sozialen Bewegungen und dem Internet beschäftigt .
Die Aussage „ Don’t hate the media “ bietet den gedanklichen Rahmen für den ersten Teil – allerdings in einem anderen als dem von Indymedia gemeinten Sinn :
Die Massenmedien waren und sind zentral für soziale Bewegungen , wenn diese von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden wollen .
Diese Bindung ist so eng , dass Luhmann ( 1998 : 855 ) davon spricht , dass ein „ heimliches Bündnis “ zwischen sozialen Bewegungen und Massenmedien existiert .
Vor diesem Hintergrund wird die Aussage „ Don’t hate the media “ für die Feststellung geborgt , dass soziale Bewegungen häufig nicht gegen die , sondern mit den Massenmedien arbeiten , und zwar , indem sie ihre Kommunikation auf sie ausrichten .
In der Literatur , die sich mit dem Verhältnis von sozialen Bewegungen und Massenmedien beschäftigt , ist es breiter Konsens , dass soziale Bewegungen auf die Massenmedien angewiesen sind ( s. z.B. Baringhorst 2009 ; Rucht 2004 ; Schmitt-Beck 1998 , Raschke 1987 ) und sich daher an die „ Mechanismen der Nachrichtengebung “ ( Schmitt-Beck 1998 : 477 ) anpassen müssen .
So zutreffend diese Feststellung auch ist :
Warum dies der Fall ist , wird meist eher oberflächlich behandelt .
Noch weniger deutlich setzt sich die Bewegungsforschung mit der Frage auseinander , was die „ Mechanismen der Nachrichtengebung “ überhaupt sind .
Und warum kann man davon sprechen , dass Massenmedien eigene „ Mechanismen “ entwickelt haben ?
Diese Fragen können mit Luhmanns Theorie sozialer Systeme beantwortet werden .
Nicht nur erlaubt diese Theorie eine umfassende Analyse des Massenmediensystems und seiner Funktionsweise – sie bietet auch wertvolle Hinweise auf das Verständnis des Phänomens ‚ soziale Bewegung ‘ und ihrer Funktion innerhalb des Gesellschaftssystems .
Auf dieser Grundlage lässt sich zeigen , wie sich die Beziehung zwischen sozialen Bewegungen und den für sie relevanten Funktionssystemen – vor allem den Massenmedien – gestaltet .
„ Protest “ , so schreibt Sigrid Baringhorst , „ ist kommunikatives Handeln “ ( 1998 : 327 ) .
Will man das Phänomen ‚ Protest ‘ angemessen erfassen , so gilt es zu untersuchen , wie er kommuniziert wird .
Die vorliegende Analyse des Verhältnisses zwischen sozialen Bewegungen und alten sowie neuen Medien legt dementsprechend den Fokus auf die Kommunikation sozialer Bewegungen – insbesondere in Bezug auf das für die Bewegungsforschung zentrale Konzept des ‚ Framing ‘ .
Wie gestaltet sich die Kommunikation sozialer Bewegungen , wenn sie auf die Massenmedien ausgerichtet ist ?
Eine Gegenüberstellung der von Luhmann formulierten „ Selektoren “ der Massenmedien mit der Kommunikation sozialer Bewegungen soll zeigen , wie stark Protestkommunikation an die Logik der Massenmedien angepasst ist .
An diese Betrachtung schließt sich die Frage an , inwiefern ein grundlegender Wandel in den Kommunikationsmöglichkeiten , wie er mit der Verbreitung des Internets stattgefunden hat , auch eine Veränderung in der Protestkommunikation nach sich zieht .
Dazu sollen zunächst die Potenziale der digitalen Protestkommunikation vorgestellt werden :
Inwiefern eröffnet das Internet neue Möglichkeiten zur demokratischen Teilhabe ?
Welche konkreten Vorteile bietet es sozialen Bewegungen ?
Welche Aktionsformen haben sich im Internet herausgebildet ?
Anders als in einem Großteil der Forschungsliteratur soll es bei der Betrachtung dieser Aspekte nicht belassen werden :
Eine Analyse von Online-Protestkommunikation muss auch ihre inhaltliche Ebene , das Framing , berücksichtigen .
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang vor allem Bennetts und Segerbergs Konzept der connective action , das eine neue Form der Protestkommunikation beschreibt .
Mithilfe dieses Konzepts soll schließlich untersucht werden , ob und inwiefern von einer internetspezifischen Protestkommunikation die Rede sein kann .
