Achill und Brad Pitt ( TROY , GB / USA 2004 , Wolfgang Petersen ) , Athene und Isabel Lucas ( IMMORTALS , USA 2011 , Tarsem Singh ) oder Zeus und Liam Neeson ( CLASH OF THE TITANS , USA 2010 , Louis Leterrier ) – zwischen diesen mythischen Figuren und ihren modernen Verkörperungen liegen mehr als 2500 Jahre , die geprägt waren von tiefgreifenden medientechnischen und vielfältigen gesellschaftlichen Entwicklungen .
Die antiken Mythen haben dennoch nicht an Aktualität und Relevanz eingebüßt .
Bei den Reinszenierungen mythischer Erzählungen in Blockbustern aus Hollywood , etwa den in Homers Ilias geschilderten Kampf des Griechischen Heeres mit der Stadt Troja im Film TROY , handelt es sich jedoch lediglich um die markantesten Manifestationen der Aktualität mythologischer Stoffe .
Die Verbindung zwischen Odysseus und der Figur Chris Wilton im Film MATCH POINT ( GB / USA / L 2005 , Woody Allen ) – der eine nach einem gewonnenen Krieg auf einer Irrfahrt in die Heimat , der andere ein Irrfahrer als sozialer Aufsteiger – bleibt für den zeitgenössischen Kinobesucher und Fernsehzuschauer hingegen meist latent .
Die klassischen Mythen des antiken Griechenlands wie die Reise des Odysseus erzählen die fiktionalen Produktionen für Film und Fernsehen selten in ihrer ursprünglichen inhaltlichen Ausgestaltung und Bedeutung .
Immer , wenn auch meist unbewusst , fungieren sie jedoch als Motivquellen und Handlungsmuster .
Sie sind demnach als Form zu verstehen , die Geschichtenerzählern als Vorlage dienen :
Inhalte werden erzählbar , indem ein universelles und begrenztes strukturelles Repertoire entsprechend der jeweiligen Erzählintention gestaltet wird .
Wenn Film und Fernsehen Informationen in Form von audiovisuellen Erzählungen verbreiten und letztere ihr strukturelles Fundament in den mündlich erzählten und tradierten Mythen des antiken Griechenlands haben , bedeutet dies , dass die Massenmedien nichts Neues , nach Luhmann ( vgl. 1987 : 102 ) keine Informationen , sondern altbekannte Erzählungen in inhaltlich variabler Ausgestaltung vermitteln .
Die Frage nach einer Erklärung für die fortwährende Präsenz der Struktur antiker Mythen in den fiktionalen Geschichten im Film und Fernsehen der Gegenwart berührt neben medienwissenschaftlichen Betrachtungen weitere Wissenschaftsdisziplinen wie die Psychologie , Literatur- und Kulturwissenschaft .
Mit der vorliegenden Arbeit soll jedoch keinesfalls der Versuch unternommen werden , einen erschöpfenden Nachweis sowie eine endgültige Begründung für den dargelegten Zusammenhang zu erbringen .
Vielmehr dient die Betrachtung von Mythen und Spielfilmen als formal äquivalente
Narrationen als Prämisse für die intendierte Analyse der Effekte und Funktionen des antiken Sängers einerseits sowie der audiovisuellen Medien andererseits .
Film und Fernsehen werden verstanden als moderne Rhapsoden .
Wie die Sänger der antiken Mythen , so die These der vorliegenden Arbeit , vermitteln die audiovisuellen Massenmedien tradiertes Wissen in Form von Erzählungen .
Indem letztere hierdurch bestimmte Verhaltensweisen aufseiten des Rezipienten prägen , erfüllen die erzählten Geschichten damals wie heute vergleichbare Funktionen für die Gesellschaft .
An die These Eric Havelocks ( vgl. 1963 : 27 ) anknüpfend , nach der die homerischen Epen die sozialen Enzyklopädien der antiken Gesellschaft sind , rücken die fiktionalen Film- und Fernsehproduktionen in ihrer zentralen Bedeutung als Sozialisationsinstanz und kollektives Gedächtnis in den Mittelpunkt des Interesses .
Den theoretischen Rahmen für die sich anschließenden Betrachtungen bildet die Annahme , dass Wirklichkeit durch gesellschaftliche Prozesse entsteht und sich Individuen diese Wirklichkeit , die sich der persönlichen Erfahrung weitgehend entzieht , auf der Grundlage medialer Zeichenwelten aktiv aneignen .
Aus dem skizzierten Forschungsinteresse ergibt sich der Aufbau der vorliegenden Arbeit .
Neben Einleitung und Fazit gliedert diese sich in drei weitere Kapitel , deren grobe Unterteilung der vergleichenden Gegenüberstellung von Rhapsoden sowie Film und Fernsehen den nötigen Raum geben soll .
Die Betrachtung des Fortbestandes sowohl der Darstellungsform als auch der Struktur der rhapsodisch vermittelten Narrationen in der Gegenwart bildet den Gegenstand des sich anschließenden zweiten Kapitels .
Hiernach wird im dritten Kapitel die Vermutung überprüft , dass orale und audiovisuelle Medien und ihre Erzählungen vergleichbare Effekte auf den Rezipienten haben .
Es wird zunächst nach dem Wesen des narrativ vermittelten Wissens gefragt , um daran anschließend zu ergründen , wie und mit welchem Ziel sich Zuschauer und Hörer dieses aneignen .
Die sich andeutende Funktion von Erzählungen , zwischen Individuum und Gesellschaft zu vermitteln , wird im vierten Kapitel im Kontext einer historischen Perspektive untersucht .
Ausgehend von der Annahme , dass Medien kollektives Wissen archivieren , wird hier auch die Frage zu beantworten sein , weshalb sich gerade der Mythos über Jahrtausende hinweg als Garant für die Kontinuität des gesellschaftlichen Zusammenlebens bewährt hat .
