Ziel der vorliegenden Arbeit war es , eine Begründung für die andauernde Präsenz des Mythos in der Gegenwart zu erbringen .
Hierzu wurde der Mythos ausgehend von seiner Definition in der aristotelischen Poetik als Struktur begriffen .
Als Form der Organisation und Darstellung vermag es der Mythos , die zu vermittelnden Inhalte in einen folgerichtigen und dramatischen Zusammenhang zu bringen und dem Handlungsgeschehen hierdurch Sinn zu verleihen .
Sein Sinnpotential entfaltet der Mythos in der Rezeption .
Um die Effekte und Funktionen dieser narrativen Vermittlungsform zu ergründen , wurde das Zusammenspiel von Individuum , Gesellschaft und Medium untersucht .
Der theoretische Rahmen des Sozialkonstruktivismus , wie ihn Peter Berger und Thomas Luckmann in geistiger Kontinuität zu George Mead und dem Symbolischen Interaktionismus entwickelten , erwies sich hierfür als zielführend .
Indem sie soziale Interaktionen beobachtbar machen , Verhaltensmuster narrativ exemplifizieren , imprägnieren und reimprägnieren die rhapsodischen sowie die audiovisuellen Darstellungen der Massenmedien kontinuierlich soziales Wissen .
Sie leisten damit einen wesentlichen Beitrag zur Integration des Individuums in die Gesellschaft , deren Kontinuität sie in ihrer Funktion als kollektives Gedächtnis zugleich sichern .
Aus seiner poetologischen und funktionalen Leistung ergibt sich der Wert des Mythos für die Gegenwart .
Angesichts der Komplexität der gesellschaftlichen Wirklichkeit und der hieraus resultierenden Vielzahl potenzieller Erlebnisse sowie Identitätsentwürfe speist sich die Allgegenwart der mythischen Form in verschiedenen , auch den audiovisuellen , Medien aus ihrer anthropologischen Qualität :
Narrationen ordnen Erlebtes in vertraute Kategorien ein , verleihen ihm Bedeutung und wirken hierdurch handlungsweisend .
Die Konstanz des Mythos hat folglich zwei wechselseitig aufeinander bezogene Ursachen :
Sie erklärt sich zum einen aus dem Vermögen der mythischen Form , Sinn zu geben , zum anderen ist das Sinnpotenzial des Mythos selbst eine Folge des menschlichen Bedürfnisses nach Bedeutsamkeit .
Obgleich die Bedeutung von Narrationen für das menschliche Leben hinlänglich bekannt ist und längst interdisziplinär erforscht wird , wurde mit der vorliegenden Arbeit der Versuch unternommen , mittels der Verengung des mehrdimensionalen Mythosbegriffs auf seine formalen Charakteristika neben den Effekten und Funktionen auch die formale Konstanz zweier Vermittlungsarten des Mythos , der mündlichen sowie der audiovisuellen , herauszuarbeiten .
Hierdurch konnte gezeigt werden , dass die audiovisuellen Medien das gesprochene Wort wiederbeleben und der Dualismus von Mündlichkeit und Schriftlichkeit das bestimmende Paradigma der medientechnischen Entwicklung ist .
In Zukunft wird die Frage interessant sein , ob audiovisuelle Narrationen als Ersatzreligion im digitalen Medienzeitalter Bestand haben .
Zwar sind Film und Fernsehen seit nunmehr einem Jahrhundert weltweit von größter Relevanz , doch zeigt sich am Beispiel von Computerspielen , dass sich der Mythos längst andere Wege und Vermittlungsformen gesucht hat .
Virtuelle Realitäten eröffnen zudem die Möglichkeit , Narrationen nicht nur zu rezipieren , sondern sie aktiv mitzugestalten .
In der virtuellen Welt wird jeder Mensch zum Geschichtenerzähler .
Ob er Neues zu berichten weiß , bleibt fraglich .
