Al Gore: Vielen Dank. W.P. Rodgers: Hi, schön, dass Sie da sind. Sie haben einen aufrüttelnden Vortrag beim Climate Countdown im Herbst gehalten über die nötigen Schritte, die den Klimawandel abwenden und eine Wende einleiten können. Wo stehen wir beim Klimaschutz jetzt, sechs Monate später? 
AG: Auch dank vieler Menschen aus der TED-Gemeinschaft sehen wir enorme Fortschritte in der Entwicklung von erschwinglichem Strom aus Sonne und Windkraft, elektrischen Fahrzeugen, Batterien, nachhaltiger Landwirtschaft. Grüner Wasserstoff ist auf dem Vormarsch, genau wie nachhaltige Forstwirtschaft. Aber leider verschärft sich die Krise enorm, viel schneller als gedacht. Die Verschärfung schreitet schneller voran, als wir Lösungen bereitstellen. Wir haben alles, was wir brauchen, außer dem politischen Willen. So geht es schon eine Weile. Und … 
Allein seit der Glasgow-Konferenz haben wir lauter Rückzieher gesehen. Wir beobachten, wie Kreditinstitute, Banken und Großinvestoren immer mehr und noch mehr Geld in fossile Brennstoffe pumpen. Das ist der reine Wahnsinn. Allein heute blasen wir weitere 162 Millionen Tonnen in den dünnen Schutzschild unseres Planeten, die Atmosphäre. Zusammengenommen ist so viel zusätzliche Hitze eingeschlossen, wie 600.000 Hiroshima-Atombomben freisetzen würden, die alle 24 Stunden hochgehen. Nur 150 km nordöstlich von hier in Lytton in British Columbia, stiegen die Temperaturen auf 121,3 Grad, vor nicht einmal einem Jahr. Das sind 49,6 Grad Celsius. Mehr als 80 Temperaturrekorde wurden in nicht einmal einem Jahr hier in British Columbia gerissen. Übrigens, nur einen Tag später ging die Stadt in Flammen auf. Gestern zahlreiche Todesfälle auf den Philippinen, verursacht von einem Supersturm, der von der Klimakrise angefacht wurde. Chile meldete erst gestern einen Dürre-Notstand. 
Aber wir beobachten auch, wie Lösungen entwickelt werden. Leider haben finanzielle Interessen und Unternehmen für fossile Brennstoffe politische Entscheidungsprozesse in Schlüsselländern an sich gerissen und vorsätzlich so viele Menschen wie möglich gehirngewaschen, und zwar weltweit. Sie haben falsche Botschaften gestreut, und zwar wissentlich. Sie wussten Bescheid. Es ist bis zum Abwinken erwiesen. Die Folge ist, dass unsere politischen Entscheidungs- prozesse in Schlüsselländern lahmgelegt sind. 
Der politische Wille, der für einen Durchbruch nötig ist, muss viel wirksamer zum Ausdruck gebracht werden. Das schwarze Loch der Politik zieht uns an. In den Vereinigten Staaten traten JP Morgan Chase, Citi, Wells Fargo und andere, die Bank of America, hier die Royal Bank of Canada und weitere kanadische Banken der Net-Zero Banking Alliance bei. Und dann haben sie letztes Jahr doppelt so viel Geld in Teersande gepumpt, die schmutzigste Form fossiler Brennstoffe. Wenn Drogenabhängige ihre Arm- und Beinvenen zerstochen haben, stechen sie zwischen die Zehen. So sind Teersande. 
Damit will ich sagen: Wir müssen jetzt die Gelegenheit ergreifen. Abraham Lincoln sagte, Gelegenheiten sind unter Schwierigkeiten begraben, und zwar tief begraben. Und wir müssen die Gelegenheit ergreifen. Die Umstände sind neu. Wir müssen neu denken und handeln. Wir müssen die Demokratie-Krise meistern, bevor wir die Klimakrise meistern können. 
(Applaus) 
WPR: Ich glaube, mit dem Krieg in der Ukraine rückt die Frage der Energiesicherheit in den Mittelpunkt. Mich würde interessieren: Wird das die Energiewende beschleunigen oder verlangsamen? 
AG: Eigentlich sollte die Welt jetzt aufwachen. In diesem Krieg geht es um fossile Brennstoffe. Und die, verständliche, Zurückhaltung einiger europäischer Staaten, die abhängig von russischem Gas und Öl sind, ist eine weitere Folge unserer Abhängigkeit. Und dann müssen wir dieses Trauerspiel mit ansehen, wie die Vereinigten Staaten Länder mit Mineralölvorkommen, etwa Saudi-Arabien, Venezuela oder den Iran, anbetteln, mehr fossile Brennstoffe zu fördern. Das ist eine Bedrohung für die nationale und weltweite Sicherheit. Es ist eine Bedrohung für benachteiligte Gemeinschaften. Die Kohleverschmutzung durch fossile Brennstoffe rafft jedes Jahr neun Millionen Menschen dahin. Es sind viel weniger Menschen an COVID verstorben als jedes Jahr an Feinstaubbelastung, die von fossilen Brennstoffen verursacht wird. Wir können Geld sparen und übrigens die Inflation bekämpfen. Die Nachhaltigkeitsrevolution, einschließlich der erneuerbaren Energien, zügelt die Inflation massiv. Die Kosten sinken immer weiter. Wir sollten uns aus mehreren Gründen jetzt entschließen für eine große Wende, weg von fossilen Brennstoffen. Wir können nicht weiter und weiter für kurzfristige Profite Geld in Aktivitäten pumpen, die die Zukunft der Menschheit zerstören. Jetzt ist nicht die Zeit für moralische Feigheit. Jetzt ist nicht die Zeit für Rückzug und leichtsinnige Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Menschheit. 
WPR: In dieser Zeit des Wandels muss ich an einen Bericht des Weltklimarats denken: Wenn wir die Kurve kriegen wollen, muss der CO₂-Ausstoß ab 2025 sinken. Das sind noch drei Jahre. Ist das realistisch? 
AG: Es hieß sogar, der Höhepunkt müsse zwischen 2020 und keinesfalls später als 2025 überschritten werden. 
Es gibt aber auch gute Nachrichten in diesem unheilvollen Bericht. Wenn wir wirklich den Netto-Nullpunkt erreichen, hört der Temperaturanstieg auf unserem Planeten nach nur drei bis fünf Jahren auf. Und wenn wir den Netto-Nullpunkt halten, verschwindet die Hälfte des menschengemachten CO₂ in nur 25 bis 30 Jahren aus der Atmosphäre. Wir haben die Technologie. Wir haben die Lösungen. Wir sind in der Lage, die voranschreitende Zerstörung unserer Zukunft aufzuhalten und eine allmähliche Erholung in Gang zu setzen. Aber wir müssen aus den Zwängen unseres politischen Systems ausbrechen. Sie behaupten, Boykotte sind sinnlos. Dann boykottieren wir doch mal all diese Banken und Kreditinstitute. 
(Applaus) 
Einige Klimawissenschaftler haben letzte Woche angekündigt und auch schon damit angefangen, sich selbst an Türen festzukleben, an die Tore zu Anlagen für fossile Brennstoffe. Klimaforscher sind zu dem Schluss gekommen, dass mehr Fakten, mehr Daten und mehr Forschung nichts nützen, solange wir, die Menschen, es nicht schaffen, aus unseren Zwängen auszubrechen in Bezug auf riesige Massenverschmutzer, die nur auf Profite schielen. Dann bleibt Forschern nur noch, auf die Straße zu gehen. Verzeihung, wenn ich mich so in Rage rede. 
WPR: Ich glaube, alle sind froh darüber. 
(Applaus und Jubel) 
AG: Aber zurück zum Bericht des Weltklimarats. Die Kurve verläuft asymptotisch. Die Kurve nähert sich immer mehr einem Punkt totaler Panik. Die Berichte sind sich einig. 
Das ist keine Einbildung. Voltaire sagte, wenn Sie die Menschen von Unsinn überzeugen können, können Sie sie auch zu Ungeheuerlichkeiten bewegen. Wir erleben es jetzt gerade in der Ukraine. Wir sehen es auch im weltweiten Maßstab bei der leichtsinnigen Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft der Menschheit. Was wollen wir künftigen Generationen sagen, wenn sie zurückschauen und merken, ihr hattet die Chance zu handeln? 
Wir haben die Mittel. Laut der Internationalen Energieagentur haben wir alle Technologien, die wir benötigen, um die Emissionen bis 2030 um 50 Prozent zu senken. Schlüsselfertig, mit Umsetzungsplänen, die erwiesenermaßen funktionieren. Für die nächsten 50 Prozent zwischen 2030 und 2050 sind alle Technologien in Entwicklung. Wenn wir die Entwicklung schnell und entschlossen vorantreiben, sind sie einsatzbereit. Wir müssen aufhören, unsere Zukunft zu zerstören. Es klingt so einfach. Aber wir müssen diese Lähmung überwinden. 
WPR: Wir müssen die Lähmung überwinden. Meine Damen und Herren: Al Gore. 
AG: Lassen Sie mich noch eins hinzufügen, auch wenn ich mich wiederhole. Geben Sie nie die Hoffnung auf. Und denken Sie immer daran, dass politischer Wille selbst eine erneuerbare Ressource ist. 
Ich danke Ihnen. 
WPR: Vielen Dank, Al. 
(Applaus und Jubel) 
