[GESTALTE DEINE ZUKUNFT] 
An einem warmen Morgen im Klassenzimmer bin ich umzingelt von Sechsjährigen. Eine nach der anderen umarmen sie ihre Freundin, die gerade von einem Ausflug zurückkommt. Sie bestaunen ihr neues Kleid und ihre neue Frisur. Aber das Mädchen tut nichts. Sie blickt gebannt in die Ferne. Die Kinder fragen sich, warum sie nicht spricht. 
Das Mädchen heißt Adayanci und die Reise von der sie zurückkehrt war keine Urlaubsreise. Sie und ihr Vater verließen Guatemala im Mai 2018, um in die Vereinigten Staaten zu ziehen. Sie kehrt Monate später zurück, aber sie ist verstummt. Während des Filmens fühle ich mich überwältigt und es fällt mir schwer, durch den Sucher der Kamera zu schauen. Ihre posttraumatische Belastungsstörung ist so offensichtlich. Ich muss weinen. 
Als professionelle Journalistin dokumentiere ich diese Auswirkungen. Die Auswirkungen, die unsichtbaren Konsequenzen. Das was passiert, wenn die Kamera aus ist. Darum verbringe ich viele Stunden damit, Menschen zuzuhören und zu beobachten -- tief getroffen von ihrem Trauma. Überlebende von illegalem Handel,  Kindesmissbrauch, Sklaverei, Zwangsarbeit und der Einwanderungsbehörde. Anders als Psychiater oder Hilfsarbeiter widmete ich mein Leben Menschen zuzuhören, um ihre Geschichten publik zu machen, persönlich, mit ihrer eigenen Stimme. Trotz aller Limitationen an Worten,  Bilder und Filmen glaube ich, dass bessere Geschichten über die Folgen von Trauma für die Menschen wesentlich sind. Sie zeigen die wahren Konsequenzen scheinbar abstrakter Regierungspolitik. Sie könne Verständnis erwecken,  über politische Trennungen hinweg und unseren universellen Sinn für Empathie wecken. 
Überlebende, wie die nun verstorbene Jennifer, lehrten mich, dass brutale Sklaverei nicht weit weg passiert. David erzählte mir, dass der Horror, vor dem Asylsuchende fliehen, furchteinflößender ist als jedes Hindernis auf ihrer Suche nach Sicherheit. Adayanci erklärte mir, dass Regierungen in Entwicklungsländern schaden, indem sie Trauma als Waffe benutzen. 
Das Wort “Trauma” kommt aus dem Altgriechischen. Es bedeutet “Verletzung”. Es ist die seelische Wunde, die bleibt, nachdem dir etwas Schreckliches widerfahren ist. Es beeinflusst unseren Geist, unseren Körper, unser Gedächtnis und unser Gefühl von Sicherheit. Krieg, Gewalt, Entführung, Folter -- das alles verursacht Trauma. Doch das passiert nicht nur weit weg. In den Vereinigten Staaten beispielsweise zeigten umfassende Gesellschafts-Studien, dass erlebte Gewalt und Terror wie Vergewaltigung, häusliche Gewalt und Menschenhandel selbst in Zeiten des Friedens häufig vorkommen und schaden. 
Was ich im Klassenzimmer in Guatemala bezeugte, war das Ergebnis einer Null-Toleranz-Politik. Kinder wurden an der US-mexikanischen Grenze von ihren Eltern getrennt. Adayanci wurde in ein Heim geschickt und in zwei Pflegefamilien untergebracht, während ihr Vater abgeschoben wurde. In ihrer Verzweiflung nahm sie die Schere und schnitt sich aus Protest ihre Haare. Eine Psychologin diagnostizierte bei ihr akuten Stress, und warnte vor einer akuten posttraumatischen Belastungsstörung, je mehr Zeit vergeht. Der Schaden, dieser Art der Trennung, in frühem Alter, genau wie andere Formen des Missbrauchs, kann dauerhaft sein, wenn das Kind keine Hilfe bekommt. 
Um diese Art der Gewalt zu rechtfertigen, gibt es den Willen, bestimmte Menschen ganz anders als uns selbst zu betrachten. Bösartig, Vergewaltiger, Tiere, Kriminelle. Ihre Menschlichkeit abzuerkennen ist ein beabsichtigtes Vorgehen von Regierungen. Es gibt viele Beispiele in Geschichtsbüchern. In diesem Fall war die sogenannte Böse, Kriminelle, Animalische ein gebrochenes sechsjähriges Mädchen. Wir veröffentlichten Adaynacis Dokumentation. Die Geschichte gewann eine Welt-Presse-Auszeichnung, dank der Adayanci in Guatemala ein Therapie erhält. Sie erholt sich langsam, tanzt und träumt. Aber den meisten kann nicht geholfen werden. Hunderte wurden noch nicht einmal mit ihren Familien wiedervereinigt. Die Traumata, die solche Politik verursachen, wirken sich über Generationen aus. Selbst in Adayancis glücklichem Fall bekommt die Familie keine institutionelle Unterstützung und hat große Schulden. 
Wir Menschen heilen von Trauma, wenn wir uns sicher fühlen, durch Geschichtenerzählen und durch Kontakte und Verbundenheit mit anderen in unserer Gesellschaft. Für dieses kleine Mädchen ist das Umschreiben der Geschichte, die sie sich erzählt, Teil ihres Heilungsprozesses. Für uns als Gesellschaft ist das Umschreiben ihrer Geschichte und dem Ausüben von Druck auf die Regierung ein Weg, um unsere Würde als Gleichgesinnte zu beanspruchen. 
Vielen Dank. 
