Stellen Sie sich vor, Sie suchen seit Monaten Arbeit. Sie finanzieren Miete, Nebenkosten und Lebensmittel mit staatlicher Hilfe, kommen aber kaum über die Runden. Endlich stoßen Sie auf eine Stellenanzeige. Sie bekommen das erste Gehalt seit Monaten und das Leben scheint sich zu ändern. Doch da ist ein Haken. Sie verdienen gerade genug, um keinen Anspruch auf Förderung mehr zu haben, aber zu wenig, um die Kosten zu decken. Noch dazu müssen Sie den Weg ins Büro und die Kinderbetreuung, während der Arbeit bezahlen. Eigentlich haben Sie jetzt weniger Geld als in der Arbeitslosigkeit. 
Wirtschaftsexperten bezeichnen diese Misere als Sozialfalle, eine der vielen Armutsfallen, die weltweit Millionen Menschen betreffen. Armutsfallen sind sich selbst verstärkende Wirtschafts- und Umweltbedingungen, die Armut über Generationen zementieren. Einige sind von individuellen Umständen abhängig, etwa mangelndem Zugang zu gesunder Ernährung oder Bildung. Andere betreffen ganze Nationen, etwa korrupte Regierungen oder der Klimawandel. Doch die grausame Ironie von Sozialfallen ist, dass sie einer Politik entstammen, die Armut bekämpfen will. 
In der Geschichte hatten viele Gesellschaften Strategien, um die Grundbedürfnisse der Armen zu decken. Vor dem 20. Jahrhundert kümmerten sich darum oft religiöse Gruppen und Hilfsorganisationen. Heute spricht man von Sozialhilfeprogrammen und es gibt sie oft als staatlichen Zuschuss für Wohnen, Essen, Energie und Gesundheitsversorgung. Die Programme sind meist einkommensabhängig, die Gelder können also nur Menschen unter einer gewissen Einkommensgrenze beanspruchen. Denn es soll garantiert werden, dass nur Bedürftige profitieren. Doch diese verlieren ihren Anspruch, wenn sie mehr als das gesetzliche Minimum verdienen, egal ob ihre finanziellen Verhältnisse stabil genug sind. 
Dieser Teufelskreis schadet den Armen wie den Bessergestellten. Gängige Wirtschaftsmodelle sehen Menschen als rationale Akteure, die Kosten und Nutzen ihrer Optionen abwägen und die günstigsten Entscheidungen treffen. Wenn Arme wissen, dass ihnen Arbeit keinen Vorteil bringt, werden sie weiter von Sozialhilfe leben wollen. Natürlich arbeiten wir aus vielen Gründen wie gesellschaftlichen Normen und persönlichen Werten. Doch das Einkommen bietet einen wichtigen Anreiz. Nehmen weniger Menschen Arbeit an, wächst die Wirtschaft langsamer, die Armut bleibt und Menschen am Rand der Armutsgrenze landen unter ihr. 
Einige meinen, diese Kettenreaktion ließe sich stoppen, wenn staatliche Hilfsprogramme ganz abgeschafft würden. Doch diese Lösung erscheint den meisten weder realistisch noch human. Wie soll also Sozialhilfe aussehen, ohne Menschen mit Arbeit zu bestrafen? Viele Länder versuchen, das Problem zu umgehen. Einige zahlen nach Aufnahme einer Arbeit die Sozialhilfe noch eine Zeitlang weiter. Andere reduzieren die Unterstützung bei steigendem Einkommen. Diese Maßnahmen reduzieren zwar den Anreiz zur Arbeit, aber das Risiko der Sozialfalle sinkt. Andere Regierungen bieten Leistungen für Bildung, Kinderbetreuung oder medizinische Versorgung allen Bürgern gleichermaßen an. 
Bei der Unterstützung für alle geht ein Lösungsansatz noch weiter: Ein universelles Grundeinkommen gäbe allen Bürgern eine feste Basis -- unabhängig von Vermögen oder Beschäftigungsstatus. Nur durch diese Maßnahme könnte man die Sozialfalle ganz beseitigen, da das erarbeitete Gehalt die Hilfe vom Staat ergänzen, aber nicht ersetzen würde. Schafft man eine stabile Einkommensgrundlage für alle, die keiner unterschreiten kann, dann könnte das Grundeinkommen Menschen vor der Armut bewahren. 
Viele Wirtschaftsexperten und Forscher befürworten diese Idee seit dem 18. Jahrhundert. Doch derzeit ist das universelle Grundeinkommen nicht in Sicht. Es wurde zwar bereits in kleinerem Umfang getestet, aber diese begrenzten Experimente geben wenig Auskunft, wie diese Maßnahme landes- oder sogar weltweit funktionieren würde. 
Für alle Strategien gilt: Der Lösungsansatz erfordert Respekt vor menschlicher Handlungsfähigkeit und Autonomie. Nur wenn Individuen in ihrem Leben und Umfeld langfristige Veränderungen gestalten können, lässt sich der Teufelskreis der Armut durchbrechen. 
