Ich bin Linguist:in. Linguist:innen studieren Sprache. Und zwar auf viele Arten. Einige erforschen die Aussprache bestimmter Laute. Andere untersuchen den Satzbau. Wieder andere analysieren, wie Sprache von Ort zu Ort variiert, um nur einige zu nennen. Mich interessiert in erster Linie, was Menschen zum Thema Sprache denken und glauben und wie das den Sprachgebrauch beeinflusst. Wir alle haben im Hinblick auf Sprache feste Überzeugungen, zum Beispiel, dass einige Sprachen schöner sind als andere oder dass mancher Sprachgebrauch korrekter ist als anderer. Wie die meisten Linguist:innen wissen, geht es dabei meist weniger um die Sprache an sich als vielmehr darum, wie wir über unser soziales Umfeld denken. 
Ich bin also Linguist:in und ich bin auch eine nichtbinäre Person. Das heißt, ich fühle mich weder als Mann noch als Frau. Ich fühle mich zudem einer größeren Transgender-Community zugehörig. 
Als ich erstmals anderen transidenten Personen begegnete, war das, als ob ich eine neue Sprache lernte. Die linguistische Seite in mir war ganz begeistert. Ich konnte ganz anders über meine Beziehung zu mir selbst sprechen und dies anderen ganz klar kommunizieren. Dann sprach ich darüber mit Freunden und meiner Familie, was es für mich bedeutete, trans und nichtbinär zu sein, darüber, was diese Wörter für mich konkret bedeuteten und warum ich beide verwendete. 
Ich sagte ihnen auch die richtigen Wörter, die sie für mich verwenden konnten. Für einige bedeutete das erhebliche Veränderungen. Einige meiner Freunde, die vorher “Damen” oder “Mädels” zu unserer Clique gesagt hatten, nutzten nun genderunspezifische Begriffe wie “Freunde” oder “Leute”. Und meine Eltern können jetzt sagen, dass ihre drei Kinder ihr Sohn, ihre Tochter und ihr Kind sind. Alle sollten ein neues Pronomen für mich verwenden. Meine korrekten Pronomen sind “they” und “them”, auch bekannt als das singulare they. 
Diese Menschen lieben mich, aber viele sagten mir, manche sprachliche Veränderungen seien für sie zu schwierig, zu verwirrend oder zu ungrammatisch. Diese Reaktionen führten mich zu meinem Forschungsthema. Es gibt weit verbreitete, aber schädliche und inkorrekte Ansichten über Sprache. Sie hindern Menschen daran, Beziehungen zu den Transgender-Personen in ihren Familien und Communities aufzubauen und zu stärken, auch wenn sie das wollen. Heute gehe ich mit Ihnen einige dieser Meinungen durch in der Hoffnung, wir können die Kreativität der Sprache annehmen und zulassen, dass uns Sprache einander näher bringt. Vielleicht erkennen Sie im Folgenden Ihre eigenen Meinungen wieder, aber dennoch hoffe ich, Ihnen linguistische Einblicke bieten zu können, die Sie mitnehmen und hinaus in die Welt tragen können. Ich sage es ganz deutlich: Das kann Spaß machen. Über Sprache zu lernen, macht mir Freude und kann hoffentlich auch Ihnen mehr Freude bringen. 
Erinnern Sie sich an meine Worte, 
dass einige Freunde und meine Familie Probleme hatten, das singulare they richtig zu benutzen, und sie meinten, es sei für sie zu verwirrend oder zu ungrammatisch? Da wären wir bei der ersten verbreiteten Meinung über Sprache: Grammatikregeln ändern sich nicht. Als Linguist:in höre ich diese Meinung oft. Viele Sprecher:innen denken, Grammatik sei einfach so, wie sie ist. In der Sprache zähle eben, was grammatisch korrekt ist. Das könne man nicht ändern. 
Ich erzähle Ihnen etwas über Englisch im 17. Jahrhundert. Wie Sie sich denken können, sprach man damals anders als heute. Man nutzte “thou”, wenn man eine Einzelperson ansprach, und “you”, wenn mehr als eine Person angesprochen wurde. Doch aus komplexen historischen Gründen, für die heute keine Zeit ist -- trauen Sie mir einfach als Linguist:in --, sprach man sich plötzlich unabhängig von der Personenzahl mit “you” an. Dazu gab es eine Menge Meinungen. Etwa von einem gewissen Thomas Elwood. Er schrieb: “Die verdorbene und unsolide Art, eine Einzelperson im Plural anzusprechen, also mit “you” anstatt mit “thou”, entgegen der reinen, klaren und einzig wahren Sprache, “thou” für eine und “you” für mehrere Personen.” In diesem Ton geht es weiter. Es liegt auf der Hand: Diese Pronomenänderung war im 17. Jh. eine große Sache. 
Doch wenn man die Debatte um das singulare they verfolgt, kommen einem diese Argumente bekannt vor. Ähnlich ist es beim Hickhack um die sogenannte Grammatikalität von Pronomen für Trans- und nichtbinäre Personen. Eine häufige Beschwerde über das singulare they ist: Wenn “they” für die Anrede von Personen im Plural genutzt wird, könne es nicht auch für Personen im Singular verwendet werden. Also genau dasselbe wie beim Thema “thou” und “you”. Aber wie wir sehen: Die Pronomen ändern sich. Unsere Grammatikregeln ändern sich, und das aus vielen Gründen. Wir erleben gerade eine solche Veränderung. Alle lebenden Sprachen werden sich weiter ändern, und die Thomas Elwoods dieser Welt müssen das früher oder später akzeptieren. Denn hunderte Jahre später gilt es heute als korrekt, bei der Anrede einer anderen Person “you” zu nutzen. Es ist nicht nur erlaubt, sondern korrekt. 
Die zweite Meinung über Sprache ist, dass Wörterbücher offizielle, unveränderliche Wortdefinitionen liefern. Haben Sie in der Schule je einen Aufsatz mit einem Satz wie “Das Wörterbuch definiert Geschichte als ...” begonnen? Wenn ja, welches Wörterbuch meinten Sie? War es das Oxford English Dictionary? War es Merriam Webster? War es das Urban Dictionary? Hatten Sie überhaupt ein bestimmtes Wörterbuch im Sinn? Welches davon ist “das Wörterbuch”? Wörterbücher gelten bei Sprache oft als Autorität. Aber Wörterbücher verändern sich ständig. Jetzt kommt etwas wirklich Verblüffendes. Wörterbücher liefern keine allgemeingültige Definition von Wörtern. Sie sind lebende Dokumente, die nachverfolgen, wie Menschen Sprache benutzen. Sprache stammt nicht aus Wörterbüchern. Sprache stammt von Menschen, und Wörterbücher sind die Dokumente, die Sprachgebrauch aufzeichnen. 
Hier ein Beispiel: Wir verwenden heute das Wort “awful”, wenn wir über etwas Schlechtes oder Ekelhaftes sprechen. Doch vor dem 19. Jahrhundert bedeutete “awful” genau das Gegenteil. Man sagte “awful” zu etwas, was Respekt verdiente oder Ehrfurcht gebot. Mitte des 20. Jahrhunderts übernahm das Wort “awesome” diese positiven Bedeutungen und “awful” bekam die heute bekannte negative Bedeutung. Wörterbücher spiegelten das im Laufe der Zeit. Das ist nur ein Beispiel für den Wandel von Definitionen und Bedeutungen und die ständig nötige Aktualisierung von Wörterbüchern. 
Ich hoffe, der Gedanke des Sprachwandels ist Ihnen inzwischen vertrauter. Aber ich spreche nicht nur über Sprache allgemein. Ich spreche über ihre Wirkung auf Trans-Personen. Pronomen sind dabei nur ein Teil der Sprache, also nur ein Teil von für Trans-Personen relevante Sprache. Wchtig sind auch Identitätsbegriffe, mit denen Trans-Personen über sich sprechen, zum Beispiel Trans-Mann, Trans-Frau, nichtbinär oder genderqueer. Einige dieser Wörter stehen seit Jahrzehnten in Wörterbüchern, andere werden Jahr für Jahr hinzugefügt. Denn Wörterbücher wollen mit uns Menschen Schritt halten, die wir Sprache kreativ gebrauchen. 
Jetzt denken Sie vielleicht: “Aber Archie, offenbar möchte jede Trans-Person mit einem anderen Wort angeredet werden. Ich kann das in so vieler Hinsicht vermasseln, ignorant wirken oder jemanden verletzen. Was kann ich mir merken und zuverlässig nutzen, wenn ich Trans-Personen anspreche?” Das führt uns zur dritten Meinung der Menschen über Sprache: Man kann Wörter nicht einfach erfinden. 
Doch -- das passiert ständig. Eins meiner Lieblingsbeispiele: Der “offizielle” Begriff für die Mutter einer Mutter oder die Mutter eines Vaters ist Großmutter. Ich habe neulich Freunde befragt, wie sie ihre Großmütter nennen. Und da hört eben die Großmutter eines meiner Freunde auf Omi und die Ihre heißt Gigi. Wir fackeln nicht lange, merken uns den Namen und lernen sie kennen. Wir beschenken sie sogar mit einem Sweatshirt oder einem bestickten Kissen mit ihrem selbst gewählten Namen. 
Genau wie Ihre Nana oder Ihre Oma dürfen auch Trans-Personen ihre eigene  identitätsstiftende Sprache wählen. Identitätsstiftende Sprache zu schaffen ist für Trans-Personen essentiell. Laut meiner Forschung bestätigen viele Trans-Personen, neue Vokabeln zu finden sei für sie wichtig, um die eigene Identität zu begreifen. Jemand sagte in einem Gespräch: “Sprache ist eines der wichtigsten persönlichen Dinge; denn mich selbst mit Worten zu beschreiben und dann etwas zu finden, was sich gut und richtig anfühlt, ist ein sehr wichtiger Prozess der Selbsterkenntnis. Durch diesen Prozess und mit einer Sprache, die für einen am besten geeignet ist, definiert man: Wer bin ich?” 
Manchmal sind die Wörter, die sich gut anfühlen, schon da. Für mich fühlen sich die Wörter trans und nichtbinär genau richtig an. Doch manchmal enthält der gängige Wortschatz noch nicht die nötigen Wörter für echtes Verständnis. Es ist notwendig und spannend, Wörter zu schaffen und neu zu definieren, die unsere Gender-Erfahrung besser spiegeln. 
Das ist eine sehr lange Antwort, aber ich gebe Ihnen heute ein Zauberwort mit, das man sich ganz leicht merken kann. Sie sollen dieses Wort als meinen wertvollsten Rat verstehen, wenn Sie nicht wissen, wie Sie Trans-Personen ansprechen sollen: Fragen Sie. Ich bin zwar Linguist:in und gleichzeitig trans, arbeite als Linguist:in mit Trans-Personen, aber ich bin kein Ersatz für die Trans-Personen in Ihrem Leben, wenn es um die korrekte Wortwahl für sie geht. Es ist wahrscheinlicher, jemanden zu verletzen, wenn man nicht fragt oder wenn man mutmaßt, anstatt einfach zu fragen. Und die Wörter, die jemand nutzt, können sich ändern. Also gehen Sie den Weg des Fragens und Lernens. 
Sprache ist ein mächtiges Werkzeug, um unsere Identität zu erklären und zu behaupten und um Beziehungen aufzubauen, die uns bejahen und unterstützen. Aber Sprache ist eben nur das, ein Werkzeug. Sprache arbeitet für uns, nicht andersherum. Wir alle, transgender und cisgender, können Sprache nutzen, um uns selbst zu verstehen und andere zu respektieren. Wir sind weder an frühere Wortbedeutungen gebunden noch an ihre Entstehungsgeschichte oder die Regeln, die wir gelernt haben. Wir können uns mit unseren Meinungen über Sprache und deren Wirkung befassen und begreifen, dass sich Sprache weiter verändern wird. Wir können Sprache kreativ nutzen, um Identitäten und Beziehungen zu formen, die uns Freude bringen. Das ist nicht nur erlaubt. Das ist richtig. Glauben Sie mir. 
