Ruhe im Saal! Wer ist heute angeklagt? Sieht ziemlich schick aus. 
Wirklich, Euer Ehren. Das ist Marie Antoinette, die Königin von Frankreich, berüchtigt für ihr luxuriöses Leben, während die Bauern hungerten. 
Das ist reißerische Verleumdung. Marie Antoinette hatte wenig Einfluss auf die Umstände und verbrachte ihre wenigen Jahre damit, in einem turbulenten  fremden Land zu überleben. 
Ach, sie war keine Französin? 
Nein, Euer Ehren. Sie wurde 1755 als Habsburger Erzherzogin Maria Antonia geboren. Als zwei ihrer älteren Schwestern starben, wurde sie zur einzigen Wahl für eine politische Heirat mit Ludwig August, dem französischen Thronerben. Im Grunde wurde sie geopfert, um den Frieden zwischen Österreich und Frankreich zu sichern, und das im Alter von 14 Jahren. 
Als ihr Mann 1774 zum König gekrönt wurde, schien sie sich mit diesem “Opfer” abgefunden zu haben. Sie führte ein Leben in Luxus, trug aufwändigen Kopfputz, importierte fremde Stoffe und hatte sogar ein Privatschloss in der Nähe von Versailles. Damals befand sich Frankreich auf wirtschaftlicher Talfahrt. Missernten führten zu massiver Lebensmittelknappheit, die Löhne sanken und die Lebenshaltungskosten schossen in die Höhe. Marie Antoinettes teure Vorlieben zeugten von mangelnder Sensibilität gegenüber der Not ihrer Untertanen. 
Sie war die Königin! Ihr glamouröses Aussehen schützte sie vor Kritik. Manchmal nutzte sie ihr Image auch für gute Zwecke. Sie überzeugte den König, sich gegen Pocken impfen zu lassen, und gab einen speziellen Kopfputz  in Auftrag, um die Behandlung zur Mode zu machen. 
Sie nutzte auch ihren Einfluss und berief unqualifizierte Freunde und Bewunderer auf wichtige Posten. Noch verheerender war, dass sie den König ermutigte, sich an der Amerikanischen Revolution zu beteiligen, ein Konflikt, der Frankreich 1,5 Milliarden Francs kostete. 
Einspruch! Die Königin hatte damals nur sehr wenig Einfluss auf die Entscheidungen ihres Mannes. Außerdem hing Frankreichs Finanzkrise viel stärker mit dem veralteten Steuersystem und dem Fehlen einer effektiven Zentralbank zusammen. 
Wieso? 
Während Frankreichs Adel und Geistlichkeit viele Steuerbefreiungen genossen, zahlten Bauern oft über die Hälfte ihres Einkommens an Steuern. Das hatte Frankreich in Schulden gestürzt, lang bevor die Königin kam. Ihre persönlichen Ausgaben waren nur ein Vorwand für Jahrzehnte finanzieller Fahrlässigkeit. 
Doch zweifellos gab Marie Antoinette Steuergelder für Luxusgüter aus, während das Volk hungerte! Als sie hörte, dass sich die Menschen kein Brot leisten konnten, empfahl sie ihnen naiv, stattdessen Kuchen zu essen. 
Dies ist fast sicher eine Propagandalüge der Feinde der Königin. Tatsächlich engagierte sich  Marie Antoinette häufig karitiativ, um die Armut zu bekämpfen. Ihr Ruf als herzlose Königin basierte auf Gerüchten und Verleumdungen. Sogar der bekannteste Vorwurf gegen sie  war komplett erlogen. 
Bitte? 
1784 fälschte ein Dieb Briefe der Königin, um eine sündhaft teure Diamantenhalskette zu kaufen. Die Wahrheit kam zwar ans Licht, doch die Öffentlichkeit sah sie bereits  als Verschwenderin. Übrigens ruinierte tatsächlich ihr Mann Frankreichs Finanzen. 
Das ist sicher. Ludwig XVI. war ein unfähiger König. Selbst in der Revolution, als er viel Macht an die neue Nationalversammlung verlor, gab er die Kontrolle nicht ab. Er legte sein Veto gegen zahlreiche Gesetze ein, wobei ihn die konservative Königin 
zu einem gewissen Grad unterstützte. Sie glaubte an das göttliche Recht der Könige, versuchte aber trotz Vorbehalten, mit den Reformern zu kooperieren. Doch der Dank waren Falschmeldungen, sie gehe mit ihnen ins Bett. All die karitative Arbeit konnte die Rufmordkampagne nicht aufhalten. Die Revolutionäre hinderten die Königsfamilie auch daran, Paris zu verlassen. Wie sollte die Königin als Gefangene mit ihnen verhandeln? 
Nun, das war richtig so! 1791 versuchte das Königspaar die Flucht nach Österreich, um Hilfe zu holen  und die Macht wiederzuerlangen. Die beiden wurden gefasst, gaben aber weiterhin Militärgeheimnisse an ihre österreichischen Kontakte weiter. 
Ist das nicht Verrat? 
Sicher! Ludwig wurde deshalb und wegen 32 weiterer Anklagepunkte hingerichtet. 
Selbst wenn man glaubt, die Hinrichtung sei rechtens, ist nicht zu entschuldigen, wie die neue Regierung Marie Antoinette behandelte. Man trennte sie von ihrem Sohn und sperrte sie in eine Zelle ohne Privatsphäre. Das für sie zuständige Gericht hatte keine Beweise für ihren Verrat und verunglimpfte sie deshalb mit haltlosen Beschuldigungen von Inzest und Orgien. Doch sie behielt die Fassung bis zum Schluss. Ihre letzten Worte waren eine Entschuldigung an den Henker, sie sei ihm auf den Fuß getreten. 
Wie kultiviert sie auch gewesen sein mag, sie war bereit, ihr Land zu verraten, um an der Macht zu bleiben. In Leben und Tod symbolisiert sie all das, was an der dekadenten Monarchie negativ war. 
Ein praktisches Symbol und ein Beispiel für die Lust der Massen, prominente Frauen mit den eigenen Fantasien und Frustrationen zu diffamieren. 
War sie also schuldig, Königin zu sein? 
Sollten Monarchen nach persönlichen Eigenschaften oder ihrer historischen Rolle beurteilt werden? Und können selbst Mächtige Opfer der Umstände werden? Solche Fragen kommen auf, wenn wir die Geschichte vor Gericht stellen. 
