Die Mondgöttin Ix Chel schaute geduldig einer Spinne bei der Arbeit zu. Sie könnte sich deren Fähigkeiten  zunutze machen, dachte sie. Durch sorgfältige Beobachtung wurde sie bald eine geschickte Weberin. 
Der Sonnengott, Kinich Ahau, war von ihrer Arbeit beeindruckt und bewunderte sie aus der Ferne. Aber der Großvater der Göttin  war sehr besitzergreifend und wollte den Sonnengott nicht in die Nähe seiner  Enkelin lassen. 
Um an dem Großvater vorbeizukommen,  verkleidete sich der Sonnengott als Kolibri. Als er einen Schluck  Tabakblütenhonig nahm, entdeckte ihn die Mondgöttin  und bat ihren Großvater, den Vogel für sie zu fangen. Der Großvater schoss mit einem Pfeil  auf den Sonnengott und betäubte ihn. 
Ix Chel pflegte den verwundeten  Vogel wieder gesund, und bald konnte er seine Flügel ausbreiten und wieder fliegen. Er verwandelte sich zurück  und lud die Mondgöttin ein, mit ihm zu fliehen. 
Die beiden flohen in einem Kanu, aber der Großvater rief  den mächtigen Sturmgott an, um sie aufzuhalten. Die Mondgöttin spürte die Gefahr  und sprang aus dem Kanu ins Wasser und verwandelte sich in eine Krabbe. Aber der Sturmgott hatte schon einen Blitz geschleudert, der die Krabbe traf, ihr das Herz durchbohrte und sie tötete. 
Hunderte und aberhunderte von Libellen versammelten sich, summten Lieder und flatterten  mit ihren durchsichtigen Flügeln. Sie bildeten eine dicke, magische Wolke  über dem Körper der Mondgöttin. In dreizehn Tagen schnitten, säuberten und höhlten sie dreizehn Stämme aus. In der dreizehnten Nacht  brachen die Stämme auf, und die Mondgöttin kam zum Vorschein - lebendiger und strahlender als je zuvor. 
Der Sonnengott verlor keine Zeit  und machte ihr einen Heiratsantrag. Die Mondgöttin stimmte freudig zu. Nebeneinander wollten sie den Himmel  mit ihren kräftigen Strahlen erhellen. 
Leider ist die Geschichte damit  noch nicht zu Ende. Der Bruder des Sonnengottes kam oft zu Besuch. Der Sonnengott spürte, dass auch er in Ix Chel verliebt war, wurde eifersüchtig und begann sie zu misshandeln. 
Eines Tages saß Ix Chel am Flussufer, wütend auf ihren Mann. Ein riesiger Vogel schwebte herunter und bot ihr an, sie zu den hohen Berggipfeln zu bringen. Um dem grausamen Sonnengott  zu entkommen, willigte sie ein. Dort traf sie den König der Geier. 
Der Geierkönig war freundlich  und lebenslustig - ein viel besserer Partner als  der gewalttätige Sonnengott. Die Mondgöttin fand bei ihm ein neues Zuhause in den Bergen. 
Als der Sonnengott davon erfuhr, war er verzweifelt. Er versteckte sich in einem Rehkadaver, bis ein hungriger Geier herunterkam. Dann sprang er auf dessen Rücken  und ritt zum Bergkönigreich, wo die Mondgöttin nun  mit dem Geierkönig lebte. 
Er bat sie, mit ihm heimzukehren, und entschuldigte sich für sein Verhalten. Die vergebungsvolle Göttin hatte Mitleid  und willigte ein, mit ihm zurückzukehren. 
Doch Kinich Ahau zeigte bald wieder  sein wahres Gesicht. Er schlug sie, vernarbte ihr Gesicht und trübte ihre hellen Strahlen. 
Ix Chel flog in die Dunkelheit davon. Von da an schwor sie sich, nur noch nachts zu erscheinen. Sie freundete sich mit den Sternen an und verband ihre Strahlen mit deren Licht, um Nachtreisende sicher zu führen. Sie nutzte ihre Fähigkeit zu heilen, die sie einst bei dem verwundeten  Sonnengott angewandt hatte, um kranke Menschen zu heilen. 
Heute ist Ix Chel so bekannt, dass sie zum Symbol  der Maya-Kultur geworden ist. Aber archäologische Funde deuten  darauf hin, dass für die alten Maya Ix Chel und die Mondgöttin  getrennte Gottheiten waren. In den Erzählungen der Maya und den Aufzeichnungen von Anthropologen sind die beiden verschmolzen,  so dass die Geschichte von Ix Chel über die historischen  Aufzeichnungen hinausgeht. Ihre Geschichte ist, wie alle Mythen,  nicht nur eine Geschichte: Die verschiedenen Variationen zeigen, worauf die Menschen Wert legen, und wie sie sich selbst in ihren mythologischen Helden sehen. 
