Du bist ein Schmetterling, flatterst herum 
und erfreust dich deines Schmetterlingslebens. 
Bis du plötzlich aufwachst. Aber woher weißt du, dass du nicht mehr träumst? Es mag dir offensichtlich vorkommen, aber tatsächlich ist es schwierig, zweifelsfrei festzustellen, dass du wach bist. Schon die Philosophen der Antike haben sich die Köpfe darüber zerbrochen. Das Schmetterlings-Szenario veranlasste den chinesischen Philosophen Zhuangzi zu einer verblüffenden Idee: Wenn wir träumen können, ein anderes Lebewesen zu sein, können wir auch ein anderes Lebewesen sein, das träumt, ein Mensch zu sein. 
In Träumen geschehen verrückte Dinge: Du fliegst oder zauberst aus dem Nichts ein unerschöpfliches Buffet oder wirst von Hexen durch die Flure deiner Grundschule gejagt, die plötzlich wie Paris aussehen. Im Traum erscheinen diese merkwürdigen Dinge ganz normal. Woher weißt du, dass du nicht jetzt in einem Traum bist, der dir nach dem Erwachen merkwürdig vorkommen wird? 
Manchmal fällt während des Traumes die Merkwürdigkeit des Traums auf. Klarträumer wissen, dass sie träumen. Definitionsgemäß wüsstest du während eines Klartraums, dass du träumst. Das beweist jedoch nur, dass du keinen Klartraum hast. Es beweist nicht, dass du wach bist. 
Es muss einen narrensicheren Test geben. Etwas, das niemals – oder nur – im Wachzustand geschieht. Oder niemals – oder nur – im Traum. Aufwachen. Nein, ausgeschlossen. Du kannst in Träumen aufwachen. Sich selbst kneifen. Wenn es wehtut, bist du doch wach? Etwas lesen oder schreiben. Im Zimmer herumrennen. Rennst du normal? Oder verdächtig langsam? Oder verdächtig schnell? Schwer zu sagen? Weißt du noch, wie schnell du das letzte Mal gerannt bist? Das bringt uns zu einem besseren Test von einem französischen Philosophen aus dem 17. Jahrhundert, René Descartes. Er bemerkte, dass Träume in unserer Erinnerung zusammenhanglos sind. Das Traumgeschehen fügt sich nicht in das Geschehen im Wachzustand. Klingt stichhaltig, nicht wahr? Du hättest gar nicht zwischen Weihnachten und Neujahr mit Delfinen in einem namenlosen rosaroten Meer schwimmen können. Du warst in Kansas und kannst es auch beweisen. 
Einer von Descartes Zeitgenossen, der englische Philosoph Thomas Hobbes, hatte einen Einwand: Was, wenn Descartes seinen Test in einem Traum durchführen würde? 
Was sagen die Experten? Ein Neurowissenschaftler kann die Aktivität in Hirnregionen messen. Er kann feststellen, ob du wachst oder schläfst. Aber das führt uns zu dem Problem zurück, dass jeder erdenkliche Wach-Test in einem Traum stattfinden könnte. Eine überzeugende Antwort steht noch aus. 
Aber mal im Ernst: Unser Wachleben besteht aus viel mehr Einzelheiten als unsere Träume. Wir schlafen ein und wachen auf, Tag für Tag, jahrelang. Jeder neue Tag strotzt vor Menschen, Orten, Dingen, Erfahrungen. Selbst unsere Erinnerungen, die nur Bruchstücke speichern, sind geradezu unfassbar detailreich. Wir können uns noch nach Jahren an eine Zeile aus einem Buch erinnern. An den muffigen Geruch der Seiten. Und den Geschmack der Limo, die wir beim Lesen getrunken haben. Und wie wir davon geträumt haben und jemandem von alldem erzählt haben. Träume könnten uns doch niemals eine solche Fülle vorgaukeln? 
Nun, der persische Philosoph al-Ghazali meinte: Wenn wir glauben, wir wären gerade aus einem Traum erwacht, könnte es ein neuerliches Erwachen aus diesem Zustand geben, in einen weiteren Zustand noch größerer Wachheit. Wir befänden uns selbst dann noch in einem Traumzustand, wenn wir uns für wach halten. 
Eigentlich wollen Philosophen wissen, wie wir begründen, dass wir wach sind. Wir alle wollen unsere Überzeugungen begründen können. Es genügt nicht, dass sie uns korrekt vorkommen. Manchmal ist nichts so schwierig zu beweisen wie das, was uns offensichtlich erscheint. 
