Vor mehr als 2.500 Jahren begeisterte eine der berühmtesten Popikonen und Erotikdichterinnen im antiken Griechenland ihr Publikum. Laut einer Legende hörte ein Athener seinen Neffen eines ihrer Lieder singen. Das machte ihm solche Freude, dass er den Jungen bat, es ihm beizubringen: “Damit ich es lernen und sterben kann.” Wer war diese verehrte Persönlichkeit? 
Ihr Name war Sappho. Um 600 v. Chr. lebte sie auf der griechischen Insel Lesbos. Wie andere Liedermacher dieser Zeit sang sie zur Lyra, einem Saiteninstrument, von dem sich der Ausdruck “Lyrik” ableitet. Doch Sapphos Texte boten eine einzigartig intime Sichtweise auf Liebe, Leidenschaft und Verlangen. Als Erste verband sie beispielsweise die Wörter “bitter” und “süß”, um gleichzeitig die Wonnen und Leiden romantischer Beziehungen zu beschreiben. 
Sappho war adelig und soll verheiratet gewesen sein, doch ihr Mann wird in keinem ihrer erhaltenen Lieder erwähnt. Diese handeln von Familienangehörigen, Festen, farbenfroher Kleidung und dem Älterwerden. Am bekanntesten aber sind ihre Texte über homoerotisches Verlangen nach Frauen. 
In einem Lied sagt Sappho, als sich ihre Gefährtin tränenreich verabschiedet: “Lass mich dich erinnern / ... an die süße gemeinsame Zeit.” Sie beschreibt Blumenketten, Parfums, “und”, sagt sie, “auf weichen Betten / ... stilltest du dein Verlangen.” In einem anderen Lied beschreibt sie  eine Freundin in einer fernen Stadt: “Ihr sanftes Herz, fernab schlagend, verzehrt sich vor brennendem Verlangen in Gedanken an Atthis.” 
Das Wort “lesbisch” bedeutet “aus Lesbos stammend”. Heute beschreibt es nach Sappho auch Homosexualität unter Frauen. Im antiken Griechenland war es üblich, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Je nach Stand waren Männern homosexuelle Beziehungen erlaubt, Frauen dagegen nicht. Aber vermutlich hatten damals auf Lesbos adelige Frauen grundsätzlich mehr Rechte. 
Dennoch bleiben die Einzelheiten von Sapphos Leben rätselhaft, teilweise, weil ihre Lyrik nur fragmentarisch erhalten ist. In der Antike jedoch war sie so populär, dass sie ewig fortzuleben schien. Bewunderer traten mit Sapphos Liedern auf und verewigten ihre Lyrik auf Papyrus, Pergament und Keramik. Drei Jahrhunderte nach Sapphos Tod erklärte ein griechischer Autor, ihre Worte würden überdauern, “solange Schiffe auf dem Nil fahren”. Hundert Jahre später beherbergte die Bibliothek von Alexandria neun Schriftrollen ihres Werks mit über 10.000 Zeilen. Doch Naturgewalten beschädigten die Sammlung. Mönche, die alte Schriften bewahren sollten, übergingen vermutlich Sapphos Werke oder zerstörten sie. Ein christlicher Führer des 2. Jahrhunderts nannte Sappho “eine Hure, die ihre eigene Zügellosigkeit besang”. Später ließ ein Papst und Erzbischof ihre Gedichte verbrennen. Im Mittelalter war kaum noch etwas erhalten. 
Doch vor etwa hundert Jahren wurden Sapphos Gedichte wiederentdeckt -- an Orten wie einer antiken ägyptischen Müllhalde. Heute liegen uns um die 700 Zeilen vor, weniger als 10 Prozent von Sapphos Gesamtwerk. Nur ein Gedicht blieb vollständig erhalten. Ein Dutzend weitere sind zwar vorhanden, aber nur in Fragmenten. Vermutlich werden weitere Bruchstücke ihrer Lieder entdeckt. Einige liegen vielleicht schon in Museumsarchiven und werden enthüllt, sobald Gelehrte eine Technik haben, um Schriftrollen zu lesen, die zu brüchig zum Öffnen sind. 
Was uns heute vorliegt, sind lückenhafte Aufzeichnungen und viele historische Gerüchte. Ovid behauptete, dass sich Sappho in einen Fährmann verliebt und sich von einer Klippe gestürzt habe, als dieser sie zurückwies. Andere sagen, sie habe eine Mädchenschule geleitet, und die Figuren ihrer Gedichte seien nur Schülerinnen, für die sie platonische Zuneigung empfand. Heute ist man sich einig: Die Geschichten, die Sappho verhöhnen oder die Homoerotik ihres Werks leugnen, sind wohl unwahre Erfindungen voller Frauenfeindlichkeit und Homophobie. 
Ungeachtet der Verzerrungen durch die Jahrtausende überdauern Sapphos Worte die Zeit und klingen noch heute nach. Vor über 2.000 Jahren schrieb sie: “In einer anderen Zeit wird sich jemand unserer erinnern.” Und zum Glück tun wir das. 
