Das ist Villa de Tamazulapan del Progresso, ein hübsches kleines Dorf in der mixtekischen Region Oaxaca. In meinem Dorf und den umliegenden  154 Dörfern der Region leben etwa 400.000 Menschen. Seit Jahrhunderten bewahrt unsere Kultur ihre Mystik, ihre Rituale und viele kulinarische Traditionen. Dazu gehört schon seit 800 Jahrten die besondere Beziehung zur Schokolade. Unsere alten indigenen Gemeinschaften zählten zu den ersten Kulturen der Welt, die Schokolade als Symbol für soziale Einheit nutzten. 
Dieses Bild entstand zwischen dem 13. und dem frühen 16. Jahrhundert und gehört zum “Codex Zouche-Nuttall”. Er besteht aus 47 bemalten Hirschhäuten, Darstellungen der Geschichte der mixtekischen Region. Hier spielt sich auf sozialer Ebene einiges ab, speziell die Hochzeit des mixtekischen Königspaars. Beachten Sie die Tasse heiße Schokolade, die geteilt wird, um den Bund der Ehe zu besiegeln. Diese Tradition ist heute noch lebendig und Schokolade ist das Zentrum der wichtigsten Ereignisse unserer Gemeinschaften wie Geburten, Hochzeiten und sogar Beerdigungen. 
Zwar hat Oaxaca eine reiche Schokoladen-Geschichte und die Menschen lieben Schokolade überall auf der Welt, trotzdem verschwinden die mixtekischen Traditionen, wie man Kakao anbaut, verarbeitet und zubereitet. Mexiko gilt als Wiege der Schokolade, doch nur jede fünfte in Mexiko hergestellte Schokolade besteht nicht aus ausländischem Kakao. Und mexikanische Bauern sind im Durchschnitt 63 Jahre alt. Wir müssen also eine neue Generation von Bauern ausbilden, um unser Land fruchtbar und unsere Kulturpflanzen am Leben zu halten. 
Dafür wollte ich etwas tun und da ich die Weisheiten der indigenen Gemeinschaften bewahren und in das moderne Leben übertragen möchte, konzentrierte ich mich erneut auf Oaxacas reiche Geschichte der Schokolade. Außerdem wollte ich die Wirtschaft in meiner Region unterstützen, die als eine der ärmsten Regionen Mexikos gilt. Also schloss ich mich mit engagierten Einwohnern zusammen, um die regionale Schokoladenkultur zu fördern und zu einer eigenständigen, nachhaltigen Industrie zu machen. 
Wir nennen sie Oaxacanita Chocolate und sie ist anders als eine marktübliche Tafel Schokolade, weil wir zwei heimische Kakaobohnen-Arten retteten. Wir pflanzten zunächst 20 Bäume auf einem Dach und weiteten unseren Baumbestand auf fünf Städte aus. Inzwischen sind es 5.000 Kakaobäume, Tendenz steigend. Hilfe kommt von Fachleuten wie dem Ingenieur Iván García, der Gärtner in den USA war und beschloss, in seine Gemeinschaft zurückzukehren und Teil dieser Bewegung zu werden. Wir baten auch traditionelle Köche der Region um regionale Rezepte. Ihre Vorfahren hatten zahlreiche Methoden, um heiße Schokolade zuzubereiteten, angefangen beim Rösten der Kakaobohnen auf Tonplatten bis zu den zahlreichen Methoden, die Paste mit Steinen zu mahlen. Mit diesem überlieferten Wissen bereiten wir heiße Schokolade mit Gewürzen wie Zimt, Aromen wie Mandeln und weniger Zucker zu, als es viele Menschen gewohnt sind -- eine getreue Wiedergabe  dieser tausendjährigen Tradition. Mit diesem Rezept entsteht ein reicher, weicher, samtiger Geschmack, der nicht nur das Herz, sondern auch die Seele wärmt. 
Natürlich wollten wir eben die Gemeinschaften einbeziehen, deren Weisheit und Können über Generationen weitergegeben wurde, die aber vom Verschwinden bedroht sind. Unsere Angestellten sind zumeist Frauen, von denen einige ihre Familien zum ersten Mal finanziell unterstützen können. Menschen wie Doña Rocío, unsere Röstmeisterin, die weiß, wie wichtig “tatemado” ist, was in der traditionellen Küche “Überrösten” bedeutet. Durch die Überröstung entwickeln Kakaobohnen mehr Geschmack und die Schale lässt sich leichter  von der Bohne entfernen. 
Dann ist da noch Doña Maricruz, dank deren Wissen über Kakaobohnen  wir alle gelernt haben, wie man Kakaobohnen auf Qualität prüft, verschiedene Sorten klassifiziert und bestimmte Bohnenarten mischt, um in der Schokolade feine, aber typische Geschmacksrichtungen zu erzeugen. 
Wir beauftragen Handwerker vor Ort mit der Fertigung von Verpackungen  aus nachhaltigen Materialien, mit denen sie bereits arbeiten, wie geflochtene Körbe,  Tontöpfe und Molinillos. 
Gemeinsam bauen wir den Kakao auf Bäumen an, stellen Schokolade her und verpacken das Endprodukt. In einem leeren Zimmer im Haus meiner Großmutter haben wir ganz klein angefangen. 2015 verkauften wir etwa 50 Kilogramm Schokolade. 2020 verkauften wir über 1.800 Kilogramm Schokolade und unsere Arbeit wird heute von der US-Regierung, der International Youth Foundation und Facebook anerkannt. Das macht uns zur ersten mexikanischen Schokoladenfabrik, die international für ihre Sozialwirkung ausgezeichnet wurde. 
Die Arbeit mit und für eine Gemeinschaft hat mich gelehrt: Wir können gleichzeitig Traditionen bewahren, die Region wirtschaftlich beleben, Menschen vor Ort beschäftigen und ein köstliches Produkt verkaufen -- mit einer Geschichte, die den Menschen weltweit etwas bedeutet. Dieses Potenzial haben lokale Gemeinschaften auf der ganzen Welt -- investieren wir also in unsere indigene Geschichte. Diese Geschichte ist voller Weisheit, und wer weiß, vielleicht ist sie auch köstlich. 
Prost. 
