In den nächsten paar Minuten werde ich hoffentlich die Art ändern, wie Sie über die Natur der Realität denken. Ich bin kein Physiker, und ich bin kein Philosoph. Ich bin ein Historiker. Und nachdem ich über 20 Jahre lang die alten Griechen und viele andere vormoderne Völker beruflich studiert habe, bin ich davon überzeugt, dass sie alle in realen Welten lebten, die ganz anders als unsere waren. 
Natürlich halten Sie und ich es in der heutigen Zeit für selbstverständlich, dass es da draußen letztlich nur eine Realität gibt -- unsere Realität, eine unveränderliche allgemeingültige Erfahrungswelt, die zeitlose Gesetze der Wissenschaft und der Natur regieren. Aber ich möchte, dass Sie es anders sehen. Ich möchte, dass Sie erkennen, dass Menschen schon immer im Pluriversum aus verschiedenen Welten lebten, nicht in einem einzigen Universum. Wenn Sie willens sind, dieses Pluriversum aus vielen Welten zu sehen, verändert das, hoffe ich, grundlegend, wie Sie über die menschliche Vergangenheit und hoffentlich auch über die Gegenwart und die Zukunft denken. 
Fangen wir damit an, drei einfache Fragen zum Inhalt unserer Realität, der echten Welt, die Sie und ich genau hier und jetzt teilen, zu stellen. Erstens: Was macht etwas echt in unserer realen Welt? Für uns sind reale Dinge materielle Dinge, Dinge, die aus Materie bestehen, die wir irgendwie sehen können, wie Atome, Menschen, Bäume, Berge, Planeten ... Umgekehrt wird Unsichtbares, Immaterielles -- wie Götter und Dämonen, Himmel und Hölle -- als nicht real betrachtet. Sie sind einfach Überzeugungen, subjektive Ideen, die nur in der Gedankenwelt existieren. Um real zu sein, muss ein Ding gegenständlich sein, auf eine sichtbare, materielle Weise, egal, ob unser Verstand es  wahrnehmen kann oder nicht. 
Zweitens: Was sind die wichtigsten Dinge in unserer realen Welt? Die Antwort: menschliche Dinge -- Menschen, Städte, Gesellschaften, Kulturen, Regierungen, Volkswirtschaften. Warum ist das so? Weil wir Menschen denken, wir wären speziell. Wir glauben, wir wären die einzigen Wesen auf dem Planeten, die Sprache, Verstand und einen freien Willen haben. Im Gegensatz dazu sind nicht-menschliche Dinge für uns nur Teile der Natur, eine bloße Kulisse für die menschliche Kultur, eine bloße Umgebung mit Dingen, die wir meinen benutzen zu können, wie wir wollen. 
Und drittens: Was heißt es, ein Mensch zu sein in der realen Welt? Es bedeutet, ein Individuum zu sein, eine Person, die letztlich  nur für sich selbst lebt. Wir glauben, die Natur hätte uns so gemacht, jedem einzelnen von uns die Einsicht, das Recht, die Freiheit und das Eigeninteresse gegeben, um Erfolg zu haben und mit anderen Individuen um alle lebenswichtigen Ressourcen zu konkurrieren. 
Aber ich möchte Ihnen nahelegen, dass unsere reale Welt weder zeitlos noch allgemeingültig ist. Sie ist nur eine von unzähligen, unterschiedlichen realen Welten, die Menschen in ihrer Geschichte erlebten. Wie würde dann eine andere Welt aussehen? Sehen wir uns eine an, die reale Welt der antiken Athener im alten Griechenland. 
Natürlich kennen wir die Athener als unsere kulturellen Vorfahren, Pioniere der westlichen Traditionen, Philosophie, Demokratie, Schauspiel und so weiter. Aber ihre reale Welt war überhaupt nicht wie unsere. Die reale Welt der Athener war voll von Dingen, die wir als immateriell und deswegen als nicht real betrachten würden. Sie pulsierte mit Dingen wie Göttern, Geistern, Nymphen, Schicksalsgöttinnen, Flüchen, Schwüren, Seelen und allen möglichen mysteriösen Energien und magischen Kräften. Tatsächlich waren die wichtigsten Dinge in ihrer realen Welt überhaupt nicht die Menschen, sondern die Götter. Warum? Die Götter waren furchterregend -- buchstäblich. Sie kontrollierten alle Dinge, die das Leben ermöglichten: Sonnenschein, Regen, Ernten, Geburten, die eigene Gesundheit, den Familienreichtum, Seereisen, Siege auf dem Schlachtfeld. In Athen gab es über 200 Götter und sie waren keine weit entfernten, losgelösten Gottheiten, die von weit weg über menschliche Belange wachten. Sie waren wirklich da,  unmittelbar erlebbar da, sie lebten in Tempeln, wohnten Opferungen bei, mischten sich unter die Athener bei ihren Festen, Banketten und Tänzen. 
Und in der realen Welt der Athener lebten  die Menschen nicht getrennt von der Natur. Ihre Leben waren bestimmt vom Rhythmus der Jahreszeiten und von den Lebenszyklen der Feldfrüchte und der Tiere. Tatsächlich war sogar das Land der Athener nicht nur ein Stück Eigentum  oder Territorium. Es war eine Göttin, eine lebendige Göttin, die einst die ersten Athener geboren und sie ernährt hatte und sich seitdem  um all ihre Nachfahren gekümmert hatte, mit ihren wertvollen Gaben in Form von Böden, Wasser, Stein und Ernten. Beschmutzte etwas ihre Böden durch unrechtmäßiges Blutvergießen, musste es sofort aus ihren Grenzen hinausgetrieben werden, egal ob Mensch, Tier oder nur ein heruntergefallener Dachziegel. 
In der realen Welt der Athener gab es keine Individuen. Alle Athener waren untrennbar  von ihren Familien. Von allen athenischen Familien wurde erwartet, dass sie zusammen lebten und zusammen arbeiteten als eine Einheit, wie Zellen eines lebenden Organismus. Sie nannten diese soziale Einheit einfach “demos”, das Volk, und ihre Lebensweise “demokratia”. Aber es war überhaupt nicht wie unsere moderne Demokratie, denn die Athener wurden nicht geboren,  um als Individuen allein zu leben. Sie wurden geboren, um ihren Familien zu dienen 
und die soziale Einheit zu erhalten, die ihnen Leben geschenkt hatte. 
Kurz gesagt: Die athenische Art des Menschseins war grundlegend anders als unsere. Die Natur hatte sie darauf programmiert, als Eins zu leben, als soziale Einheit. Sie hatte sie ausdrücklich zur Koexistenz und zur Zusammenarbeit mit allen Arten nicht-menschlicher Wesen angelegt, insbesondere mit ihren 200 Göttern und ihrer göttlichen Mutter Erde. Das Leben in Athen wurde also von etwas aufrechterhalten, das man “kosmische Ökologie” nennen könnte, eine symbiotische Ökologie von Göttern, Mutterland und Volk. 
Schauen wir uns heute aus unserer realen Welt ihre reale Welt an, wirkt diese natürlich seltsam, komisch, bizarr, exotisch und natürlich nicht real. Aber sie hat viel Wichtiges mit der realen Welt, die zahlreiche andere vormoderne Völker erlebt haben, gemein. Zum Beispiel schließt das die alten Ägypter, die alten Chinesen und die präkolonialen Völker Perus, Mexikos sowie von Indien, Bali und Hawaii ein. In all diesen vormodernen, realen Welten kontrollierten die Götter alle Bedingungen jeder Existenz. Nicht-Menschen sollten immer mit Menschen zusammenarbeiten und umgekehrt. Menschen sollten ihren Gemeinschaften dienen, nicht nur als Individuen für sich selbst leben. 
Allerdings bildet im großen geschichtlichen Abriss unsere reale Welt, unsere Realität, die große Ausnahme -- sie ist die exotische, die seltsame. Nur in unserer realen Welt ist die Realität eine rein materielle Ordnung. Nur in unserer realen Welt sind Nicht- Menschen immer den Menschen untergeordnet. Und nur in unserer realen Welt werden Menschen als Individuen geboren. Warum diese Einzigartigkeit? Weil unsere reale Welt in einer besonderen Umwelt geformt und geschmiedet wurde, einer historisch beispiellosen Umwelt im frühen modernen Europa, mit seiner wissenschaftlichen Revolution und seiner Aufklärung, seiner neuen, experimentellen, kapitalistischen Lebensart. 
Doch trotz dieser Besonderheit nehmen wir einfach an, dass unsere Realität die einzig wahre ist, dass alle Menschen der Geschichte nur in unserer realen Welt lebten, ob sie es wussten oder nicht. Und denken Sie nur für einen Moment über die kolossale Arroganz dieser Annahme nach. Im Grunde sagen wir: “Wir moderne Westler liegen richtig, und alle anderen in der Weltgeschichte haben Unrecht, was die Realität angeht.” Im Grunde sagen wir, dass alle besonderen, alten Zivilisationen nur glückliche Zufälle waren, denn sie waren alle auf nichts gegründet außer auf Mythen, Illusionen und abwegigen Ideen über die Realität. 
Warum sind wir so sicher, dass wir Recht haben? Warum ist es für uns selbstverständlich, dass wir mehr wissen? Warum nehmen wir die realen Welten der vormodernen Völker nicht richtig ernst? Weil wir glauben, unsere modernen Wissenschaften lieferten das einzig wahre, objektive Wissen über die Realität. Aber tun sie das? 
Seit über 100 Jahren wird die Idee einer objektiven Realität ernsthaft und ständig von Experten aus vielen unterschiedlichen Bereichen, von der Physik und Biologie bis zur Philosophie, angezweifelt. Im Grunde schlagen diese Experten vor, dass die Realität nicht einfach eine materielle Ordnung ist, die uns von der Natur gegeben wurde. Sie ist etwas, an deren Erschaffung  Menschen aktiv teilhaben, wenn ihre Psyche mit der Umwelt interagiert. 
Man kann es sich so vorstellen: Um Erfahrungen zu verstehen, musste früher jedes Volk tatsächlich ein Modell der realen Welt entwickeln. Dann nutzten sie dieses Modell als Basis für ihre gesamte Lebensweise, für all ihre Bräuche, ihre Normen, ihre Werte. Und wenn diese Lebensweise sich als erfolgreich und nachhaltig erwies, dann wurde der Wahrheitsgehalt des Modells durch Beweise aus der täglichen Erfahrung bestätigt: “Es funktioniert!” Auf diese Weise wurde, sobald das Modell durch anhaltende Interaktionen zwischen der Psyche auf der einen und der Umwelt auf der anderen Seite gedanklich verinnerlicht und in der Umwelt verwurzelt ist, die Wirkkraft einer stabilen, realen Welt erzeugt. 
Nehmen wir ein kurzes Beispiel. Warum glauben wir  in unserer modernen Welt, dass wir alle im Grunde von Geburt an Individuen sind? Weil ein paar Sozialwissenschaftler im frühen modernen Europa befanden, dass wir es sind, und weil ihr Modell der Welt voller von Geburt an wetteifernden Individuen die Basis für eine neue, kapitalistische Lebensweise wurde, die ein beispielloses Niveau an Reichtum geschaffen hat -- zumindest für die wenigen Glücklichen. Weil alle von uns, die in kapitalistischen Nationen erzogen wurden, schon immer von unseren Familien, unseren Schulen und unseren Gesellschaften darauf sozialisiert wurden, Individuen zu sein. Weil wir eben fast jeden Tag unserer Leben von den Strukturen, die diese Leben kontrollieren - wie die liberale Demokratie und die kapitalistische Wirtschaft - als Individuen behandelt werden. Mit anderen Worten: Unsere Psyche und unsere Umwelt verschwören sich ständig, unsere Individualität ganz natürlich erscheinen zu lassen. 
Kurz gesagt: Kein Mensch hat jemals eine wirklich objektive Realität erlebt. Verschiedene Völker haben immer schon verschiedene Realitäten erlebt, jede davon war geformt  von dem Modell der Welt, das in den damaligen Denkweisen  und der damaligen Umwelt eingebettet war. Mit anderen Worten: Menschen lebten immer schon im Pluriversum aus vielen verschiedenen realen Welten, nicht in einem Universum aus nur einer. Lassen Sie mich mit drei Gedanken schließen, die hieraus folgen. 
Erstens: Wir moderne Westler müssen aufhören, zu glauben, dass alle vormodernen Völker irgendwie primitiver oder  weniger aufgeklärt waren als wir selbst. Deren reale Welt, mit all ihren Göttern und magischen Kräften, war genauso real wie unsere eigene. Tatsächlich verankerten diese realen Welten Lebensweisen, die die realen Leben von vielen für hunderte, manchmal tausende von Jahren aufrecht erhielten. Deren reale Welten waren anders; sie waren nicht falsch. 
Zweitens: Wir moderne Westler dürfen uns nicht so wichtig nehmen. 
(Gelächter) 
Wir müssen ein wenig demütiger sein. Trotz all ihrer außergewöhnlichen technologischen Errungenschaften hat unsere schöne, neue, moderne, reale Welt die gesamte Zukunft unseres Planten in nur 300 Jahren in Gefahr gebracht. Sie machte alle Arten  historischen Grauens möglich: Völkermord über gesamte Kontinente, Massenausbeutung kolonisierter Völker, industrielle Knechtschaft, zwei verheerende Weltkriege, den Holocaust, atomare Kriegsführung, das Artensterben, Umweltprobleme, Massentierhaltung und natürlich die Erderwärmung. Die Beweise sind da, wenn man sie sehen will. Unser Modell der Realität hat in der Praxis katastrophal versagt. 
Drittens: Andere Modelle und andere reale Welten sind möglich. Andere Welten werden gerade jetzt in diesem Augenblick vom Pluriversum der Geschichte, das übrig geblieben ist, an Orten wie Amazonien, in den Anden, im südlichen Mexiko, im nördlichen Kanada, in Australien und an allen anderen Orten gelebt, wo indigene Völker darum kämpfen, ihre sehr nachhaltigen, angestammten  Lebensweisen zu wahren, um zu verhindern, dass sie vom expandierenden Universum der Moderne zerstört werden. Ich sage, dass all diese nicht-modernen Völker der Vergangenheit und der Gegenwart uns so viel darüber lehren können, wie man in anderen möglichen Welten nachhaltiger lebt. 
Also fangen wir jetzt an, von ihnen zu lernen, bevor es zu spät ist. Versuchen wir unsere Vorstellungskraft zu stärken. Stellen wir uns andere mögliche Arten des Menschseins in anderen möglichen Welten vor. 
Danke. 
(Applaus und Jubel) 
