Ab Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. eroberten die Römer die Iberische Halbinsel. Aus dieser Zeit stammen mehrere regionale Sprachen im Gebiet des heutigen Spaniens. Dazu zählen Kastilisch, Katalanisch und Galicisch. Eine davon sollte Spanisch werden -- aber erst 1.500 Jahre später. Diese Epoche erzählt von der Entstehung einer modernen Weltsprache. 
Während der römischen Besatzung mischte sich umgangsprachliches Latein, oft “Vulgärlatein” genannt, mit den Sprachen der Einheimischen. Etwa 75 % des modernen Spanisch einschließlich der Syntaxregeln stammen aus dem Lateinischen. So werden zum Beispiel Verben ähnlich konjugiert. Und wie andere romanische Sprachen haben Substantive ein Genus: el sol, die Sonne, ist maskulin, la luna, der Mond, ist feminin. 
Nach dem Untergang des Römischen Reichs eroberten eine Reihe anderer Mächte die Region. Ab dem 5. Jahrhundert n. Chr. kamen zuerst die Westgoten. Sie sprachen eine ostgermanische Sprache, die später Teil des Deutschen werden sollte, und gaben einige Wörter an das zukünftige Spanisch weiter. Dann wurden die Westgoten vom Umayyaden-Kalifat verdrängt. Dort sprach man Arabisch, das das moderne Spanisch stark beeinflusste: Über tausend Wörter sind arabischen Ursprungs. Sie haben oft den Anlaut “a” oder “z” und beinhalten manchmal ein “h”. 
1492 konsolidierte die katholische Kirche ihre Macht durch zwei Monarchen, Isabella und Ferdinand, und vertrieb Muslime und Juden. Sie vereinte die regionalen Königreiche zu einer einzigen Nation und übernahm eine der örtlichen Sprachen als offizielle Staatssprache. Das war Castellano oder Kastilisch aus dem Königreich Kastilien. Es lag in Zentralspanien und war Heimat der Stadt Madrid. So wurde Castellano zu Español oder Spanisch. 
Aber das Spanisch von 1492 war Altspanisch und ganz anders als die heutige Sprache. Im selben Jahr überquerte Christoph Columbus den Atlantik, der Beginn der spanischen Eroberung des amerikanischen Kontinents. Die Ureinwohner Amerikas sprachen etwa 2.000 verschiedene Sprachen. In den nächsten Jahrzehnten mussten die meisten auf Kosten ihrer eigenen Sprache Spanisch lernen. Dennoch wanderten Wörter aus indigenen Sprachen in das Spanische. Aus Nahuatl, der Sprache des Aztekenreiches, stammen Wörter mit “ch” und “y” wie “chapulin” und “coyote.” Aus Quechua, einer Sprache aus den peruanischen Anden, stammen Wörter mit “ch” wie “cancha”, “chullo” und “poncho.” Einige Wörter beschreiben Dinge, die es vorher im spanischen Wortschatz nicht gab, und andere ersetzten sogar in Spanien bestehende spanische Wörter. 
Als Miguel de Cervantes 1605 Teil 1 von “Don Quixote” veröffentlichte, ähnelte dessen Sprache dem Neuspanischen wohl mehr als Stücke eines seiner Zeitgenossen, William Shakespeare, dem modernen Englisch. Ab Anfang des 18. Jahrhunderts waren in Spanien und später in Hispanoamerika die französische Sprache und Kultur sehr in Mode. Auch wenn beide Sprachen wegen ihrer lateinischen Wurzeln bereits viel gemeinsam hatten, entlehnte Spanisch damals neue Wörter aus dem Französischen. 
Im 19. Jahrhundert kämpften die Menschen in ganz Mittel- und Südamerika für die Unabhängigkeit von Spanien. In den neuen souveränen Staaten sprach man weiterhin die Sprache der ehemaligen Unterdrücker. Heute hat Hispanoamerika etwa 415 Millionen Einwohner. Spanisch ist die offizielle Sprache von 21 Ländern und Puerto Rico. 2021 hatten nur Englisch, Mandarin und Hindi mehr Sprecher. 
Warum zerfällt eine Sprache mit so vielen Sprechern weltweit nicht in neue Sprachen wie damals Vulgärlatein? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Andere Sprachen, die sich wie Französisch über den Kolonialismus verbreiten, entwickelten sich mit indigenen Sprachen zu etwas völlig Neuem. Einige behaupten, dass Spanglisch, eine Mischung aus Spanisch und Englisch, eine eigenständige Sprache oder auf dem Weg dazu sei. Obwohl Menschen in Buenos Aires gelegentlich Wörter benutzen mögen, die für andere in Bogotá oder Mexiko-Stadt nicht ganz verständlich sind, bewahrt Spanisch genügend Einheit von Syntax, Grammatik und Wortschatz, um eine eigene Sprache zu bleiben. 
