Es war schon dunkel, 
als zwei geheimnisvolle verhüllte Gestalten in ein Bergdorf kamen. Die Fremden klopften an jede Tür und baten um Nahrung und Obdach. Aber immer wieder wurden sie abgewiesen. Bald blieb nur eine einzige Tür übrig, die einer kleinen, strohgedeckten Hütte. 
Ein älteres Ehepaar, Philemon und Baucis, reagierte auf das laute Klopfen. Obwohl die Besucher einen seltsamen Eindruck machten, war es für das Paar selbstverständlich, sich um Bedürftige zu kümmern. Philemon lud sie ein, sich zu setzen, und die Hütte wurde von Wärme durchflutet, als Baucis das Feuer wieder anfachte. 
Als sie jung waren, hatten sich Philemon und Baucis verliebt, geheiratet und ihre bescheidene Hütte bezogen. Jahrzehnte später stand ihr Haus immer noch und sie waren einander mehr zugetan denn je. 
Die Fremden beobachteten aufmerksam, 
wie Baucis Zweige unter einen Topf voller Gemüse schob. Das Paar konnte sich kaum Fleisch leisten, aber zu Ehren der Gäste schnitt Philemon für den Eintopf Streifen von einer alternden Hachse ab. Sie unterhielten sich fröhlich und boten den Gästen ein heißes Bad an. Baucis stabilisierte die wackeligen Tischbeine mit Tonscherben und rieb die Tischplatte mit Minze ein, bis sie süß und frisch roch. Mit großer Umsicht verwandelten die beiden das, was sie hatten, in ein Festmahl. Bald füllte sich der Tisch mit Speisen und dem Rest ihres süßen Weines. 
Insgeheim machten sich Philemon und Baucis Sorgen, 
ihre Vorräte würden zur Neige gehen. Der Abend nahm seinen Lauf und die seltsamen Gäste sprachen dem Wein kräftig zu, doch der Tontopf versiegte nicht. Zunächst erleichtert, bekamen Philemon und Baucis Angst. Ihre Gäste waren keine bescheidenen Bauern auf Reisen, sondern fast sicher verkleidete Götter -- aber welche Götter, das wussten sie nicht. 
Aus Furcht, ihre Gastlichkeit sei zu gering, suchten Philemon und Baucis nach einem weiteren Angebot. Das einzig Wertvolle, was blieb, war die Gans, die ihr Haus bewachte. Das Paar jagte wiederholt nach dem Vogel, doch die beiden waren zu erschöpft. Also erwarteten sie den Zorn der Götter. 
Die Gäste erhoben sich, legten Lumpen und sterbliche Masken ab. Vor ihren Gastgebern standen Zeus, der Blitze schleudernde Göttervater, und sein Sohn Hermes, der leichtfüßige Bote, der die Sterblichen in die Unterwelt führt. Die Götter sagten den beiden Alten, im Gegensatz zu den anderen Dorfbewohnern hätten sie wahre Xenia gezeigt: liebevolle Gastfreundschaft gegenüber Fremden. Nur sie hätten die Prüfung bestanden. 
Die Götter befahlen dem Paar, ihnen zu folgen, und alle stiegen den nächsten Berg hinauf. Als sie sich dem Gipfel näherten, schauten Philemon und Baucis zurück. Erschrocken erblickten sie einen trüben Sumpf, wo gerade noch ihr Dorf gestanden hatte. Als Strafe für die Weigerung, sie zu beherbergen, hatten Zeus und Hermes das Dorf und seine Bewohner überflutet und nur das Haus ihrer Gastgeber verschont. Beim Gedanken an Freunde und Nachbarn konnten Philemon und Baucis Schrecken und Tränen der Trauer nicht verbergen, sogar, als sich ihr Haus unten verwandelte. Es wurde größer, bekam Marmorsäulen und Stufen. Inschriften ritzten sich in die gewaltigen Türen. Ihre baufällige Hütte hatte sich in einen strahlenden Göttertempel verwandelt. 
Hermes lobte das Paar und fragte sanft, ob sich die beiden etwas wünschten. Nach einer kurzen Unterredung bat Philemon darum, dass er und Baucis sich um den neuen Tempel kümmern könnten und ob sie, wenn ihre Zeit käme, miteinander sterben dürften, damit keiner ohne den anderen leben müsste. 
Sie sorgten für den Tempel und füreinander 
und lebten noch viele Jahre. Doch eines Tages bemerkte Baucis, dass von Philemons Händen Blätter rieselten. Sie sah nach unten und entdeckte, dass sich ihre Haut verhärtete. Sie umarmten sich und verwurzelten an Ort und Stelle. Ranken wanden sich um ihre Beine, Baumkronen entfalteten sich über ihnen. Sie nahmen als Menschen zum letzten Mal liebevoll Abschied voneinander. Und wo Philemon und Baucis zuletzt altersgebeugt gestanden hatten, ragten eine Linde und eine Eiche empor, deren Äste sich in Ewigkeit umschlangen. 
