Agatha Christie ist die erfolgreichste Romanautorin aller Zeiten. Aber 1916 war sie in ihrer Familie als Schriftstellerin nicht Nummer eins. Im Gegensatz zu ihr hatte ihre ältere Schwester Madge schon einige Kurzgeschichten publiziert. Als Agatha ihren Wunsch zu schreiben verkündete, lachte Madge sie aus. Sie wettete, Agatha sei unfähig, einen spannenden Fall zu erfinden -- und sicher keinen, den sie nicht würde lösen können. Heute steht das Ergebnis dieser Wette in einer Reihe mit den fast 100 anderen Christie-Krimis, jeder davon ein klug gesponnenes Verwirrspiel voller Hinweise, Irreführungen und menschlicher Dramen. Sehen wir uns an, wie diese perfekten Verbrechen entstanden. 
Christie entwarf ihre Geschichten auf vielerlei Art, doch mit das Wichtigste war der Schauplatz. Eine einsame Insel, ein im Schnee feststeckender Zug -- sie bevorzugte Orte fernab der Gesellschaft. Ihren Geschichten gab sie einen engen Rahmen, reduzierte so die Zahl der Verdächtigten und erzeugte Spannung, indem sie ihre Figuren zwang, vor Ort zu bleiben -- sogar mit einem Mörder unter ihnen. Manchmal erhöhte sie die Spannung noch, indem sie Fremde miteinander konfrontierte, die nicht wussten, wem sie trauen konnten. 
Zwar sind die Schauplätze unheimlich und ungewöhnlich, doch die Figuren sind genau das Gegenteil. Oft werden an Christies Romanen die vielen zweidimensionalen Typen kritisiert. Doch Christie wusste, warum sie komplexe Charaktere mied. Sie reduzierte Menschen auf wenige einfache Eigenschaften und lieferte so dem Leser durchschaubare Verdächtige. Nun, meistens durchschaubar. Christie spielte auch mit den Erwartungen des Publikums an sie. 
Diese Art von Typisierung beruhte jedoch manchmal auf von heutigen Lesern als diskriminiernd empfundenen Klischees. Christie karikierte häufig bestimmte Berufe und ethnische Gruppen aus Gründen der Komik und verstärkte so Vorurteile ihrer Zeit. Dieses Element in ihrem Werk ist sicher nicht nachahmenswert. Zum Glück setzen viele moderne Krimiautoren diese Technik auf weniger problematische Weise um. 
Trotz dieser Defizite bemühte sich Christie um die Authentizität ihrer Figuren. Sie beobachtete ihre Umgebung genau und notierte ständig Details aus zufällig belauschten Gesprächen. Dann arrangierte sie diese Details bei der Gestaltung ihrer Krimis neu und entschied sich bei der Arbeit oft für einen anderen Mörder. Dadurch blieben die Informationen vage und verwirrten selbst scharfsinnige Leser. 
Doch ist es unbedingt nötig, ein Gleichgewicht zwischen Scharfsinn und Irreführung zu schaffen. Niemand will einen durchschaubaren Fall, aber wenn er zu kompliziert wird, verliert man vielleicht seine Leser. Christie bewältigte das Problem teilweise durch einfache, verständliche Sprache. Sie verwendete kurze Sätze und klare, knappe Dialoge, um die Leser auf dem Laufenden zu halten. 
Diese Klarheit ist wesentlich, denn die besten Krimis führen ihr Publikum mit sorgfältig präsentierten Hinweisen auf die Spur. Bei Christie merkt sich der Leser gute Hinweise, ohne sie jedoch im Normalfall ganz zu verstehen. Ruft etwa eine Figur wenige Minuten vor ihrem Tod aus: “Heute schmeckt aber alles abscheulich!”, überlegt der Leser fieberhaft, wer ihr Getränk vergiftet hat. Aber er kann mit diesem Hinweis vermutlich wenig anfangen. Wenn an dem Tag alles abscheulich schmeckte, hatte die Vergiftung lange vor diesem Getränk stattgefunden. Christie verwendete auch Hinweise,  um ihr Publikum irrezuführen. So bringen etwa Leser einen Hinweis mit einem Verdächtigen in Verbindung und erfahren später, dass sie hereingelegt wurden. Oder Christie verband die Irreführung direkt mit der Struktur der Geschichte -- etwa wenn ein Erzähler den Mord meldet und sich dann als Täter entpuppt. 
Neben Verbrechen und Hinweisen gibt es in Christies Rezeptur eine weitere Zutat: die Detektive. Sie erfand viele Ermittler, aber die bekanntesten sind Hercule Poirot und Miss Jane Marple. Weder der kleine belgische Flüchtling noch die ältliche Amateurdetektivin sind traditionelle Helden. Doch ihr Außenseiterstatus hilft ihnen, an der Polizei vorbei zu ermitteln und Verdächtige aus der Deckung zu locken. 
Sie ahnen es: Agatha gewann die Wette gegen ihre Schwester. Ihr Mix aus exzentrischen Detektiven, raffinierten Hinweisen und wenig komplexen Verdächtigen hat zahllose Leser verblüfft. Nun, da Sie Christies Strategien kennen, bleibt die Frage, welche Geschichten Sie mit diesem Geheimnis erzählen können. 
