In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten in der deutschen Stadt Herzogenaurach zwei Brüder als Schuhmacher zusammen. Doch während des Krieges gerieten die beiden in heftigen Streit -- so heftig, dass er das Familienunternehmen entzweite. Zunächst infizierte die Fehde nur das nun konkurrierende Personal. Doch in den nächsten Jahren spaltete der Zwist ganz Herzogenaurach. Die Einwohner hielten eisern nur noch einer Schuhmarke die Treue. Örtliche Unternehmen ergriffen Partei und zwischen den Lagern waren Ehen unerwünscht. Herzogenaurach wurde schließlich als “Stadt der gesenkten Köpfe” bekannt, weil die Einwohner zu Boden sahen, um sicherzugehen, dass sie Kontakt zur richtigen Gruppe hielten. Doch ging es bei dieser tiefen Spaltung wirklich um Schuhe? Entsteht solch ein ernster Konflikt nicht durch gravierendere kulturelle Differenzen? 
Eine Antwort auf diese Frage haben der Sozialpsychologe Henri Tajfel und seine Mitarbeiter an der Universität Bristol. Dieses Team entwickelte das Minimalgruppen-Paradigma, eine Methodik zur Untersuchung von Minimalbedingungen, unter denen Menschen in Streit geraten. Sie rekrutierten Teilnehmer ohne die üblichen Konfliktfaktoren wie Religion, Ethnie, Geschlecht oder andere kulturelle Differenzen. Sie wurden in Gruppen unterteilt und mit einer wachsenden Zahl an Variablen konfrontiert, um Konfliktauslöser zu ermitteln. 
Doch zuerst war eine Kontrollbedingung nötig -- zwei Gruppen ganz ohne Gruppenvorurteile. Den Teilnehmern wurde gesagt, die Gruppeneinteilung erfolge aufgrund ihrer Fähigkeit, Dinge zu bewerten, doch in Wirklichkeit geschah die Auswahl rein zufällig. Da die Forscher Interaktion unter den Teilnehmern verhinderten, konnten niemand Urteile bilden oder persönliche Bindungen knüpfen. Dann erhielt jeder Ressourcen zum Verteilen. Alle Teilnehmer konnten Mitgliedern beider Gruppen Ressourcen geben und, ganz wichtig, alles lief anonym ab. Egal was die Teilnehmer also beschlossen, es hatte keinen Einfluss darauf, wie viele Ressourcen sie bekommen würden. Alle Faktoren für Diskriminierung und alle Gründe, wegen Ressourcen zu konkurrieren, fielen also weg. Daher erwarteten die Forscher eine konfliktfreie Ausgangsbasis für weitere Studien. 
Doch sogar in diesen Gruppen, in der die Mitgliedschaft nur von der Annahme abhing, eine beliebige Fähigkeit zu besitzen, zeigten die Teilnehmer Eigengruppen-Bevorzugung. Sie gaben stets mehr an Mitglieder der Eigen- als der Fremdgruppe. Spätere Studien ging noch weiter: Die Teilnehmer erfuhren, ihre Gruppenzugehörigkeit werde durch einen Münzwurf bestimmt. Doch es kam weiterhin zu Eigengruppen-Bevorzugung. Die Minimalgruppen “wir” und “sie” reichten als Grund aus. 
Ohne Stereotypen, Ressourcenkonflikte und Statusunterschiede -- was blieb also noch? Warum zeigten die Menschen klare Präferenzen für höchst flüchtige und bedeutungslose Gruppen? Tajfel und seine Kollegen benannten als Grund “soziale Identität”. Durch Gruppenzugehörigkeit bestimmen viele Menschen ihr Identitätsgefühl. Diese Minimalgruppen-Experimente zeigten: Allein die Gruppenzuteilung reicht aus, um das Selbstverständnis einer Person mit dieser Gruppe zu verbinden. Zur Schaffung einer sinnstiftenden Identität wiesen die Teilnehmer der Eigengruppe mehr Ressourcen zu als der Fremdgruppe, verfolgten also die Interessen ihrer Gruppe, obwohl sie daraus als Individuen keinen klaren Nutzen zogen. 
Varianten dieses Experiments wurden weltweit durchgeführt, um festzustellen, wie ein “Wir”-Gefühl unsere Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und unsere Emotionen beeinflussen kann. Die mentalen Prozesse hinter Minimalgruppen-Unterschieden sind offenbar dieselben wie viele Prozesse bei wahren Gruppenidentitäten. Diese scheinbar unwesentlichen Unterschiede können zu viel schärferen Divergenzen führen. Aber MInimalgruppen entzweien die Menschen nicht immer. Menschen in einer neuen Gruppe zusammenzubringen, kann ihnen vorübergehend über tief sitzende Vorurteile hinweghelfen. Doch werden diese positiven Wirkungen leicht von externen Faktoren zunichte gemacht, die bestehende Gruppenidentitäten stärken. 
Letztlich ist die Psychologie von Gruppen Teil der menschlichen Natur und unsere Tendenz zu Eigengruppenbevorzgung gehört zweifellos dazu. Also sind wir alle gefordert, unsere Gruppen und uns selbst so weit wie möglich für andere zu öffnen. 
