Als Präsident Ronald Reagan 1981 seine erste Amtszeit antrat, war die US-Wirtschaft am Kämpfen. Die Arbeitslosigkeit war hoch und stieg weiter 
und 1979 hatte die Inflation ein Allzeithoch in Friedenszeiten erreicht. 
Daraufhin führte die Reagan-Regierung eine Reihe wirtschaftspolitischer Maßnahmen ein, unter anderem Steuersenkungen für Großkonzerne und Spitzenverdiener. Die Idee war, dass Steuerersparnisse  für die Reichen zusätzliches Geld zu allen anderen durchsickern lassen würde. Deshalb werden diese Maßnahmen oft als “Trickle-down-Ökonomie” bezeichnet. 
Von den 80ern bis Ende der 90er erlebten die USA eine der längsten und stärksten Phasen wirtschaftlichen Wachstums ihrer Geschichte. Die mittleren Einkommen stiegen,  ebenso die Zahl neuer Arbeitsplätze. Seitdem berufen sich viele Politiker als Begründung für Steuersenkungen auf die Trickle-down-Theorie. Aber haben diese Maßnahmen  wirklich gewirkt, entweder um Wirtschaftswachstum  zu generieren oder um die Lebensumstände  der Amerikaner zu verbessern? Würden sie unter anderen  Umständen funktionieren? 
Bei der Antwort muss man berücksichtigen, ob sich Steuersenkungen negativ auf die Steuereinnahmen der Regierung auswirken, ob die eingesparten Steuergelder die Wirtschaft beleben und ob die Stimulation der Wirtschaft das Leben der Menschen verbessert. 
Die Idee hinter Steuersenkungen ist, dass die Menschen bei zu hohen Steuern weniger gern arbeiten, was die Steuereinnahmen  letztlich senken würde. Bei einem geringeren Steuersatz könnte die Regierung mehr Geld einnehmen, mit dem sie theoretisch  die Lebensumstände verbessern könnte. Denn Menschen arbeiten mehr, wenn sie mehr Einkommen behalten dürfen. 
Natürlich können Steuern nur auf ein gewisses Maß gesenkt werden: Bei einem Null-Steuersatz gibt es keine Steuereinnahmen, egal wie viel die Menschen arbeiten. Steuersenkungen können bei hohen Steuersätzen funktionieren, während sie bei niedrigeren  kontraproduktiv sein können, da die Regierung wichtige Projekte nicht realisieren kann. Als Reagan ins Amt kam, waren die Steuersätze sehr hoch. Seine Regierung senkte den Spitzensteuersatz von 70 % auf 28 % und die Unternehmenssteuer von 48 % auf 34 %. Zum Vergleich: Anfang 2021 lagen diese Steuersätze bei 37 % und 21 %. Bei niedrigeren Steuersätzen können Steuersenkungen den Reichen schaden. Zum Beispiel, von 2012 bis 2013 senkten die Gesetzgeber in Kansas den Spitzensteuersatz um fast 30 % und einige Unternehmenssteuersätze auf null. Deshalb fiel die Staatsbilanz sofort ins Negative und erholte sich nicht mehr. Das bedeutete, dass reiche Menschen und Unternehmen nicht zurück in die Wirtschaft investierten. Kurzum, das Geld sickerte nicht durch. 
Dies scheint ein Trend zu sein: Laut einer Studie der London School of Economics über mehrere historische  Zeiträume in 18 Ländern vermehrten Steuersenkungen das Vermögen der Top 1 %, hatten aber kaum Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft. Sollten Steuersenkungen für die Reichen die Wirtschaft wirklich ankurbeln, müssten diese das Geld zum Beispiel in der lokalen Wirtschaft ausgeben -- aber das passiert in der Realität nicht. 
Wirtschaftsmaßnahmen funktionieren nicht isoliert: Jede Zeit und jeder Ort sind mit ihrer Vielfalt an Maßnahmen einzigartig, es gibt also für jede Konstellation immer nur einen Testfall. Das macht ein endgültiges Urteil darüber schwierig, ob eine Maßnahme funktioniert hat, ob etwas anderes besser oder in einer anderen Situation  funktioniert hätte. Trotzdem verspricht die Rhetorik um die Trickle-down-Ökonomie sowohl während als auch nach der Reagan-Ära oft etwas Endgültiges: dass die Ausgaben der reichsten Mitglieder der Gesellschaft -- außer Steuern -- die finanziellen Umstände der  weniger Wohlhabenden direkt verbessert. Doch dafür gibt es fast keine Belege. 
